Tipps von der Deutsch-Expertin
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  • Von Austriazismen und anderen Wunderlichkeiten

    Geschrieben am 6. Juni 2010 Dagmar Jenner 9 Kommentare

    Bitte die Überschrift nicht falsch zu verstehen: Aus meiner Sicht sind Austriazismen überhaupt nicht wunderlich, sondern ein schöner Ausdruck regionaler Sprachvarietät, die auf keinen Fall negiert werden soll. Bei einigen Wörtern war es mir jahrelang gar nicht bewusst, dass sie in (Nord-)Deutschland nicht verwendet werden, etwa heuer für dieses Jahr. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Austriazismen von Deutschen sehr viel schlechter verstanden werden als “bundesdeutsche” Eigenarten der deutschen Sprache von uns Österreicherinnen. Ob das an mangelndem Willen liegt oder an der größeren Präsenz des Bundesdeutschen in Österreich als des “Österreichischen” in Deutschland (etwa durch die Medien), sei mal dahingestellt.

    Ein regelmäßiger Leser des Blogs war so freundlich, mir eine Liste echter und angeblicher Austriazismen per E-Mail zu schicken. Angeblich deshalb, weil ich einige dieser Wörter hier in Österreich noch nie gehört habe. Das heißt zwar nicht, dass sie nicht in irgendeiner Ecke des Landes verwendet werden, aber besonders geläufig sind sie nicht. Dazu gehören etwa Ananas für Erdbeere (was frau nur sehr selten auf Märkten in Wien hört), Apfelkoch für Apfelmus habe ich noch nie gehört, Distinktion für Auszeichnung sagt vermutlich nicht mal die Upper-Class, Fallott für Kleinkrimineller ist mir überhaupt kein Begriff. Sehr gängig wiederum, wenn auch nicht in der Schriftsprache, ist Gatsch für Schlamm, ebenso wie Hosensack für Hosentasche und Hundstrümmerl für Hundehaufen. Dass hier in Österreich Kassa anstatt Kasse gesagt und geschrieben wird, dürfte hinlänglich bekannt sein. Und dass wir eher Melanzani anstatt Aubergine essen (die Kulinarik ist sowieso ein Thema für sich!). Nachtmahl oder Nachtessen anstelle von Abendessen kommt mir hingegen sehr, sehr spanisch vor. Möglicherweise hat dieser Begriff noch irgendwo am Land überlebt, aber in der Stadt sicher nicht. Sehr typisch ist Parte für Todesanzeige, was ich selbst (als langjährige Auslandsösterreicherin) erst vor wenigen Jahren mit Erstaunen gelernt habe. Und zu guter Letzt gehen wir hier natürlich nicht mit Tüten, sondern mit Sackerln einkaufen. Sehr Fortgeschrittene bestellen am Würstelstand eine Eitrige und bekommen eine Käsekrainer.

    Weitere Beiträge jederzeit gerne willkommen! Wir lesen uns in ein paar Tagen, da ich derzeit viel unterwegs bin. Vorerst geht es nach Innsbruck, wo das “Österreichische” in seiner Tiroler Ausprägung besonders charmant rüberkommt.

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    Antworten zu “Von Austriazismen und anderen Wunderlichkeiten” RSS Icon

    • Ihr sagt “Paradeiser” und wir “Tomaten”. Und “Polster” sind bei uns Deutschen “Kissen”. In Wien fiel mir auf, dass das Einbahnstraßenschild nur das Wort “Einbahn” enthält und in Deutschland “Einbahnstraße” drauf steht. Außerdem fielen mir Schilder mit “Abgang” auf, wenn es ein Richtungsweiser nach unten war. Sowas hab ich bei uns auch noch nicht gesehen oder wahrgenommen.

    • Hans-Jürgen

      … also Fallot kennt man durchaus auch im Sächsischen.
      Mir fiel im Supermarkt in Salzburg übrigens noch “Marille” für Aprikose auf.

    • Ja ja, da gibt es schöne Dinge. Als ich als Teenager einmal zu einem Sprachurlaub in England war, wollte eine Japanerin wissen, wie dies und jenes auf deutsch heißt. Als sie dann auf eine Plastiktüte deutete und ich “Tüte” sagte, habe ich zuerst überhaupt nicht verstanden, warum die beiden anwesenden Österreicher plötzlich zum Kichern anfingen. Daraus entwickelte sich dann aber schnell eine interessante Unterhaltung über die diversen Unterschiede unserer gemeinsamen Muttersprache.

      “Heuer” sagt man aber auch in Süddeutschland - hier wusste ich lange nicht, dass man das im Norden gar nicht sagt.

      An auffälligen Austriazismen fallen mir übrigens noch das “Faschierte” und die Wendung “sich ausgehen” ein (”etwas geht sich aus” im Sinne von “es passt/klappt”).

    • Hans-Jürgen

      Mal was GANZ anderes:
      Ich zucke ja immer zusammen, wenn ich jemanden »gerne« statt gern sagen höre; das klingt für mich falsch wie »Türe« oder »vorne«.
      Aber ich will natürlich auch nicht konservativer sein als nötig … Weiß denn jemand, was davon mittlerweile sozusagen zugestanden bzw. toleriert wird?

    • @Hans-Jürgen:

      gern, (seltener:) ger|ne [mhd. gerne, ahd. gerno, Adv. zu: gern = eifrig, urspr. = begehrend, verlangend; vgl. Gier]:
      © Duden - Deutsches Universalwörterbuch 2001

    • Hallo zusammen,

      Bin zum ersten Mal hier - gerade auf der Suche nach einer Beistrichregel hier gelandet - und habe mit Verwunderung den Beitrag zu Austriazismen gelesen. Bin selbst keine Corpuslinguistin, aber nach meiner Erfahrung als Wienerin (30) weiß ich:

      * “Ananas” ist nicht etwa irgendeine Erdbeere, sondern die große, “pick”süße Variante (im Gegensatz zur kleinen, möglicherweise herberen Walderdbeere). Der Begriff ist im Burgenland stark verbreitet (Stichwort Wiesen: http://www.genuss-region.at/article/archive/18512), doch ist er auch in Wien sehr bekannt. (Über Westösterreich trau ich mir kein Urteil zu.)

      * “Nachtmahl” ess’ ich jeden Abend: “Abendessen” sage ich nur, wenn es sich um formellere Anlässe handelt bzw. man mit Freunden oder Bekannten unterwegs ist. Daheim gibt’s Nachtmahl, der Begriff hat also durchaus nicht nur am Land überlebt.

      Zu meiner Sprachbiografie: Ich habe die ersten 28 Jahre meines Lebens im 7. Bezirk verbracht, wohne jetzt im 4.Bezirk. Familie hab ich zwar schon auch im Burgenland, aber auch meine aus Ottakring (Wien 16.Bez.) stammende Großmutter verwendete “Nachtmahl” und “Ananas”.

      Vielleicht interessiert euch ja dieser Link:
      http://www.ostarrichi.org/wort-14014-reise-at-Nachtmahl.html

      Lieben Gruß,
      Chri

    • Hermann Spraul

      Fußball-Austriazismen (Duden-bestätigt):

      Goalie = Tormann
      Eiergoalie = schlechter Tormann
      Jausengegner = schlechter Gegner
      Outwachler = Linienrichter
      Corner = Ecke, Eckball, Eckstoß
      Dribblanski = Dribbler, techn. Versierter Spieler
      Knödelreiter = Kniestoß gegen den Oberschenkel
      Insultierung = Beleidigung des Schiedsrichters
      Fetzenlaberl = Fußball
      Wuzler = Tischfußball

      Weblinks zu Austriazismen:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Austriazismen
      http://de.wikipedia.org/wiki/Regionale_K%C3%BCchenbegriffe
      http://lokaltipp.at/jsp-content/artikel_0_75
      http://www.ostarrichi.org/wort-11894-at-Austriazismen.html

    • Brigitte Moser

      Österreich ist zwar kein großes, aber doch ein ziemlich langes Land. Austriazismen sind daher eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung. Paradeiser ist ein schönes Beispiel, denn in Westösterreich (so etwa ab der Oberösterreichisch-Niederösterreichischen Grenze) sagt niemand Paradeiser, dort sind es Tomaten. Ebenso ist der Erdapfel eine rein ostösterreichische Angelegenheit. Allerdings nicht zu weit östlich, denn im Burgenland sind sie schon wieder Grumpirn (oder so ähnlich). Die Liste der Wörter, die in ganz Österreich, aber nirgendwo sonst verwendet werden, ist wohl ziemlich kurz. Sprache hält sich nur sehr bedingt an Landesgrenzen.

    • @ Brigitte: interessante Argumentation. Plädierst du für die Bezeichnungen “West-Austriazismus”, “Ost-Austriazismus” etc.?


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