Tipps von der Deutsch-Expertin
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  • Wenn Sprache verharmlost

    Geschrieben am 19. Mai 2011 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Heute lehne ich mich mal politisch und sprachpolitisch ein wenig aus dem Fenster. Die Tatsache, dass der (Noch-)Chef des Internationalen Währungsfonds, der Franzose Dominique Strauss-Kahn, in New York wegen Vergewaltigung angeklagt wird, dürfte bekannt sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.

    Sehen wir uns mal an, zu welcher Wortmeldung diese Tatsache einen gewissen österreichischen Nationalratsabgeordneten namens Wolfgang Großruck hinreißt (übrigens würde es mich nicht wundern, wenn bundesdeutsche LeserInnen Verständnisschwierigkeiten haben). Hier das Video.

    Er sagte: „Obwohl er schon ein reiferer Mann, zeigt Dominique Strauss, was er noch kann. Fürs Protokoll bitte kann mit stummem h schreiben.” [also Kahn]

    Würden wir den Hintergrund nicht kennen, könnten wir denken, dass hier von einem sympathischen älteren Herrn die Rede ist, der sich nach wie vor mit seiner Frau (oder einer sonstigen Freiwilligen) vergnügt.

    Ich finde diese Wortmeldung unerhört, denn es steht der Vorwurf sexueller Nötigung im Raum. In den Augen von Wolfgang Großruck geht es aber offensichtlich nicht um erzwungenen Geschlechtsverkehr (oder den Versuch), sondern um die Tatsache, dass der gute „DSK”, wie er in Frankreich genannt wird, „noch kann”. Dies transportiert das Denken, dass Frauen jederzeit frei verfügbar sind und dass man sie sich nur zu „nehmen” braucht. Ob die betroffene Frau das auch will, ist in diesem Weltbild offensichtlich nebensächlich. Besonders skandalös finde ich, dass dieser Abgeordnete mit einer solchen Aussage auch noch Gelächter erntet (die wenigen weiblichen Abgeordneten im österreichischen Nationalrat können übrigens ein Liedchen über die dortige Frauenfeindlichkeit singen, die gerne durch schlüpfrige Witze zum Ausdruck kommt).

    Ganz klassisch auch die Reaktion des Abgeordneten auf die Rücktrittsforderungen, ebenfalls im Video zu sehen und hören: Er entschuldigt sich nicht inhaltlich für seine Aussage, sondern er entschuldigt sich bei denjenigen, die seine Ironie falsch verstanden haben und sich betroffen fühlten. Wie praktisch, und auch ganz klassisch in der Politik: Schuld ist nicht der, der Unfassbares sagt, sondern jene, die daran Anstoß nehmen. Da wundert es kaum, dass mit dieser Wischiwaschi-Entschuldigung die Angelegenheit für die Spitze der ÖVP (Österreichische Volkspartei) erledigt ist.

    Ebenso schlimm finde ich es, wenn ich in Zeitungen in Bezug auf Strauss-Kahn von Sex-Affäre lese. Ganz ehrlich: Das Wort Sex ist positiv behaftet. Bei Dominique Strauss-Kahn und der Hotelangestellten geht es aber nicht um freiwilligen Geschlechtsverkehr, sondern um solchen unter Gewaltanwendung. Warum wird das Kind nicht beim Namen genannt? Es geht um sexuellen Missbrauch und um Vergewaltigung. Sex-Affäre klingt nach Seitensprung und ist ein schönes Beispiel, wie durch Sprache Sachverhalte verharmlost werden. Letztlich steht in diesem Fall, siehe Video, ja sogar noch der Täter in einem positiven Licht da. Schließlich zeigt er ja, was er kann!

    Ein weiteres Beispiel für verharmlosende Sprache ist häusliche Gewalt. Dass darunter körperlicher, psychischer und sexueller Missbrauch von Frauen und Kindern gemeint ist, transportiert der Begriff mitnichten.

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    Antworten zu “Wenn Sprache verharmlost” RSS Icon

    • Abraxas Rabe

      So positiv ist “Sex” nun auch nicht behaftet, im Gegensatz zu Dir komme ich aus Deutschland. Als ich noch zur Schule ging oder ganz allgemein deutlich jünger war als heute, so vor 40-50 Jahren, war Sex etwas Schmutziges, das Wort durfte nicht in den Mund genommen werden, auch nicht Entsprechungen wir Geschlechtsverkehr. Wenn man jemandem nachsagte, er habe Sex, dann hieß das, er hat etwas Schmutziges getan und ist daher selbst ein “Schmutzfink”.

      Aber selbstverständlich hast Du recht, das ist – wenn beide oder von mir aus auch alle Beteiligten wollen – etwas Schönes, ist gesund und macht auch nicht dick.

      Schön zu hören, dass sich das von mir Beschriebene oben geändert hat.

      Früher war es auch eher so, dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, selbst Schuld hatte, da gab es kein Mitleid, nicht einmal von Frauen!!! Soll sie sich doch nicht so nuttig anziehen, oder mit dem Ar.. wackeln oder an der Bluse einen Knopf mehr zumachen.

      Schön auch, dass sich das ebenfalls geändert hat!

      Und wenn Du wissen willst, wie sowas in Deutschland abgeht, dann lies doch mal bei Spiegel Online die Artikel über Kachelmann. Es hat sich viel, sehr viel geändert, aber nicht überall und schon gar nicht bei allen.

      Und jetzt ärgere Dich nicht mehr, diese Unbelehrbaren werden täglich weniger, da gibt es auch eine “biologische Lösung”.

    • Gefaellt mir gut die Seite. Tolle Themenwahl.


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