Tipps von der Deutsch-Expertin
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  • Ratlos bei “vulgo”

    Geschrieben am 6. März 2011 Dagmar Jenner 22 Kommentare

    Im Austausch mit einer Gleichgesinnten mit ausgeprägtem Sprachverständnis und Rechtschreibkenntnissen tauchte kürzlich eine Frage auf, die uns beide etwas ratlos stimmte. In einem Buch, das sie lektoriert, ist vom bäuerlichen Milieu die Rede, weshalb ständig Formulierungen wie etwa die unten stehende auftauchen:

    Das junge Ehepaar erwarb die Liegenschaft vulgo Dasler in Sauerfeld und begründete dadurch die Dasler-Familie.

    Zur Erklärung: Diese Liegenschaft, ein Bauernhof, wird Dasler-Hof genannt, gehörte aber einer Familie, die völlig anders heißt, etwa Gruber. Ich habe übrigens keine Ahnung, ob diese Formulierungen auch in Deutschland und der Schweiz üblich sind.

    Wir fanden beide, dass sich die oben genannte Formulierung wenig ansprechend liest. Das Problem: Wir haben leider kaum eine bessere Lösung parat. Noch schlimmer wird es etwa in folgendem Satz:

    Sie heiratete 1947 zum vulgo Hafner am Schneeberg.

    Hier geht es wohlgemerkt um Texte, die bewusst sehr nahe an der gesprochenen Sprache sind, weil darin Lebensgeschichten erzählt werden. Auch hier: Die erwähnte Frau heiratet, wie das in der gesprochenen Sprache hierzulande oft gesagt wird, zu einem Hof. Der gehört einer Familie, die XY heißt. Der Hof wird aber Hafner genannt.

    Vulgo ist ein Adverb und als solches nicht deklinierbar. Sehr viel leichter wäre das Ganze, wenn wir es mit so genannt zu tun hätten. Dann hieße es eben:

    Sie heiratete 1947 zum so genannten Hafner am Schneeberg.

    Ich finde, das klingt weitestgehend passabel. Aber mit vulgo überzeugt mich der Satz nicht. Leider kann aber hier vulgo nicht durch so genannt ersetzt werden, da vulgo eindeutig der geläufige Ausdruck ist.

    Mein einziger Lösungsvorschlag, der mich auch nicht sonderlich glücklich macht, wäre ein Kompositum. Also bei den beiden Sätzen dann so:

    Das junge Ehepaar erwarb die Liegenschaft Vulgo-Dasler in Sauerfeld und begründete dadurch die Dasler-Familie.
    Sie heiratete 1947 zum Vulgo-Hafner am Schneeberg.

    Hat eventuell jemand für diese sehr schwierige Frage einen alternativen Vorschlag parat? Wenn ja, bitte hier einen Kommentar zu hinterlassen. Danke im Voraus!

  • Von Mitgliedern und Nichtmitgliedern

    Geschrieben am 28. Februar 2011 Dagmar Jenner 3 Kommentare

    Per E-Mail wurde mir die Frage gestellt, wie mit dem Wörtchen nicht umzugehen sei, und zwar einerseits in Kombination mit einem Adjektiv/Partizip und andererseits in Verbindung mit Substantiven.

    Zur ersten Frage sei gesagt, dass etwa sowohl nicht öffentlich als auch nichtöffentlich richtig ist. Die dritte Option, also *nicht-öffentlich, gibt es nicht. Selbiges gilt etwa für nicht berufstätig/nichtberufstätig, nicht ehelich/nichtehelich, nicht zutreffend/nichtzutreffend etc.

    Wenn sich nicht mit einem substantivierten Verb zusammentut, muss zusammengeschrieben werden, wenn das Kompositum nur zwei Bestandteile hat: das Nichtkönnen, das Nichtwissen, das Nichtwollen.

    Wenn aber ein dritter Bestandteil (oder auch mehr) dazukommt, muss mit Bindestrichen durchgekoppelt werden, also so: das Nicht-bekannt-Sein, das Nicht-loslassen-Können, das Nicht-wissen-Wollen. Wir sehen: Das substantivierte Verb wird immer großgeschrieben, ebenso wie das erste Wort der Verbindung, also nicht.

    Zur Frage Nichtmitglieder oder Nicht-Mitglieder finde ich in meinen Nachschlagwerken keine klare Aussage. Mir persönlich gefällt Nichtmitglieder allerdings besser. Es sei nur darauf hingewiesen, dass die Wörter, die im Duden verzeichnet sind und mit nicht anfangen, allesamt ohne Bindestrich zusammengeschrieben werden: Nichtwähler/Nichtwählerin, Nichttänzer/Nichttänzerin, Nichtverfolgung, Nichtverfolgerland, Nichtweitergabe. Für mich ein deutliches Indiz, dass die Schreibung ohne Bindestrich empfohlen wird.

    Die konkrete Frage, die mir per E-Mail gestellt wurde, bezog sich auf Nicht-Landwirt vs. Nichtlandwirt. Auch hier gefällt mir persönlich die zweite Lösung besser; siehe oben.

    Bei Nicht-EU-Mitgliedsland wiederum ist die Sache klar, da Abkürzungen mit Bindestrich(en) abgetrennt werden müssen. *NichtEUMitgliedsland würde ja dann doch einigermaßen seltsam anmuten.

  • Zwiebelfisch macht sich zum Esel

    Geschrieben am 17. Februar 2011 Dagmar Jenner 51 Kommentare

    Dieser Beitrag ist eine Antwort auf Bastian Sicks Zwiebelfisch-Kolumne, die bereits vor einiger Zeit erschien, von der ich aber erst heute erfuhr. Darin nimmt er eine Schweizer Initiative, männerbezogene Begriffe durch neutrale zu ersetzen (etwa Arbeitende anstatt Arbeiter), zum Anlass, um billige Polemik um das so wichtige Thema der Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache zu betreiben. Er bewegt sich auf einem Niveau, auf dem ich normalerweise nicht diskutiere. Da ich tief drinnen aber hoffe, dass der Zwiebelfisch auch anders kann, hier meine Gedanken dazu.

    In erster Linie ist zu sagen, dass es um Bastian Sicks Glaubwürdigkeit eher schlecht bestellt ist. Er, der sich seit Jahr und Tag ausgiebig mit Sprache beschäftigt, stellt allen Ernstes den Zusammenhang zwischen Sprache und Gesellschaft infrage: „Ich bin mir nicht sicher, ob man die Sprache verändern muss, wenn man die Gesellschaft verändern will.” Glaubt er, dass Sprache im luftleeren Raum existiert?

    Es reicht, die beim Romanistik-Studium vorgesehenen Lehrveranstaltungen zur Einführung in die Linguistik zu besuchen, um zu erfahren, dass allgemeiner Konsens darüber besteht, dass es klare Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Sprache gibt. Sprache wird schließlich nicht im Labor gemacht. Und: Gleichberechtigung hat ganz klar auch eine sprachliche Seite.

    Schon mal darüber nachgedacht, warum Wörter wie Neger und Eskimo heute nicht mehr verwendet werden? Und Fräulein? Warum etwas herrlich ist und nicht fraulich? Warum 99 Ärztinnen und 1 Arzt zusammen 100 Ärzte ergeben? Dass Frauen Lehrer genannt werden, aber wenn Männer Hebammen werden, sofort ein neuer Begriff, nämlich Geburtshelfer, gefunden wird? Dass Frauen eh immer ganz lieb in den männlichen Formen mitgemeint sind? Alles Zufall? Oder ist es vielleicht doch so, dass Sprache die Machtverhältnisse abbildet?

    Bastian Sick echauffiert sich: Wörter, die das erkennbare Wort „Mann” enthalten, stehen auf der Berner Abschussliste ganz oben.

    Er nimmt das zum Anlass für alberne Extrempositionen auf Stammtischniveau: Werden wir in Bälde bemenschte Raumfahrt sagen müssen? In diesem Zusammenhang mokiert er sich über Versuche, Komposita mit Mann zu feminisieren oder zu neutralisieren. Er hält wohl tatsächlich Mann für ein völlig neutrales Wort, das problemlos auch eine Frau bezeichnen kann. Ob er das umgekehrt auch so sieht, er sich also unter Marktfrau auch einen Mann vorstellt? Ganz bestimmt nicht. Mit seiner Argumentation setzt er Menschlichkeit mit Männlichkeit gleich und befindet sich damit in hervorragender Gesellschaft zahlreicher Ewiggestriger, Motto: Alle Menschen werden Brüder.

    Es ist offensichtlich, dass die deutsche, wie auch viele anderen Sprachen, absolut sexistisch ist – dass Bastian Sick hinter diese Feststellung ein Fragezeichen setzt, spricht Bände. Vielleicht sollte er einen Blick in die zahlreichen Studien werfen, die zeigen, dass das so genannte generische Maskulinum die befragten Menschen ausschließlich an Männer denken lässt. Mitgemeint Pustekuchen. Wer denkt bitte bei folgendem Satz an Frauen?

    Jeder Patient soll sich seine Behandlung selbst aussuchen.

    Die Asymmetrie der deutschen Sprache ist nicht zu übersehen. Während es völlig normal ist, eine Frau als Übersetzer zu bezeichnen, würde sich ein Mann niemals als Krankenschwester bezeichnen lassen. Hier offenbart sich die Schieflage: Schwester ist bestimmt auch für Herrn Sick eindeutig weiblich, während er Mann als „neutral” deklarieren möchte.

    Bitte sehr, wenn angeblich alles so schön neutral ist und nichts auf ein Geschlecht hinweist, dürfte sich Herr Sick an folgender Formulierung nicht stören:

    Bastian Sick ist eine Journalistin beim „Spiegel Online”. Ihre Zwiebelfisch-Kolumnen werden sehr gerne gelesen.

    Von mir allerdings nicht mehr. Erstens, weil Bastian Sick sich seit einiger Zeit auf lustige Sammlungen von Übersetzungsfehlern beschränkt. Und zweitens, weil ihm – siehe oben – fundamentales Wissen über Sprache abzugehen scheint. Sprache kommt nicht aus dem Vakuum, sondern ist eng mit Gesellschaft und Machtverhältnissen verbunden. Wie es die bekannte Linguistin Luise Pusch formuliert hat: Männer haben diese unsere Sprache gemacht, und sie haben sie für sich gemacht.

  • GROSSBUCHSTABEN GEFÄLLIG?

    Geschrieben am 11. Februar 2011 Dagmar Jenner 7 Kommentare

    Derzeit ereilen mich per E-Mail besonders viele Anfragen zu Themen, die meinen Leserinnen am Herzen liegen. Ich werde sie nach und nach behandeln; bitte um Geduld, wenn das etwas dauern kann.

    Eine Frage betraf den Umgang mit GROSSBUCHSTABEN in Texten. Hier springt schon mal das Wichtigste, das es zu diesem Thema zu wissen gilt, ins Auge. Und zwar: Wo normalerweise ein ß steht, muss bei Schreibung mit Großbuchstaben ein SS stehen. Früher wurde an dieser Stelle gerne ein SZ verwendet, was ich auch gelegentlich noch sehe, aber laut Duden ist dies veraltet. Ausnahme: Erlaubt ist die Verwendung von ß bei Familiennamen, aus Gründen der Eindeutigkeit: Familie AßMANN. Bei der Schreibweise ASSMANN wüssten wir nicht, ob sich die Familie Assmann oder Aßmann schreibt.

    Ansonsten sei noch daran erinnert, dass, falls bei der Großschreibung ein Wort einer anderen Sprache vorkommt, die entsprechenden Akzente etc. beibehalten werden müssen, also etwa: DIE KUNST DES SALVADOR DALÍ.

    Von diesen orthografischen Aspekten mal ganz abgesehen, halte ich die exzessive Verwendung von Großbuchstaben für eine sehr schlechte Angewohnheit. Besonders seit den Zeiten des Internet wird die Verwendung von Großbuchstaben mit schreien gleichgesetzt. Komischerweise scheint sich das noch nicht überall rumgesprochen zu haben: Meine mexikanischen Freundinnen, die in früheren Zeiten nervtötende und augenschmerzerzeugende E-Mails in lauter Großbuchstaben schickten, posten nun auf Facebook … am liebsten in Großbuchstaben. ¡No me grites!, ist da meine Reaktion. Schrei mich nicht an. Nichts für ungut, aber irgendwann wird die „Netiquette” auch Mexiko erreichen.

    Ein Überbleibsel aus Schreibmaschinzeiten ist wohl die Verwendung von Großbuchstaben in Verträgen, die ich häufig übersetze. Da ist dann also stets von den VERTRAGSPARTEIEN, von der VERKÄUFERIN und vom VERKÄUFER die Rede. Ich finde, die Fettsetzung würde den gleichen Zweck erfüllen, aber Juristinnen wird ja gerne das Festhalten an Altem nachgesagt.

    Also: Es ist nicht falsch, Elemente, die uns wichtig und hervorhebenswert erscheinen, in Großbuchstaben zu schreiben, etwa Namen. Notwendig erscheint es mir nicht, zumal es dafür elegantere Methoden gibt, wie zum Beispiel die bereits erwähnte Fettsetzung und die Unterstreichung.

  • Sehr kurios: dasselbe vs. das Gleiche

    Geschrieben am 29. Januar 2011 Dagmar Jenner 10 Kommentare

    Von Kindesbeinen an lernen wir, dass ein Unterschied zwischen dieselbe/derselbe/dasselbe und die gleiche/der gleiche/das gleiche besteht. Zur Illustration: Ersteres sei zu verwenden, wenn es um die Identität des Objekts oder der Person geht, also etwa: Meine Zwillingsschwester und ich haben dieselbe Mutter.

    Wenn wiederum ausgedrückt werden soll, dass es um etwas Ähnliches, aber nicht exakt diese eine Person oder Gegenstand geht, sei die gleiche/der gleiche/das gleiche zu verwenden.

    Also etwa: Meine Zwillingsschwester und ich haben die gleichen Schuhe.
    Will heißen, dass wir uns nicht ein Paar Schuhe teilen, sondern jede ein Paar desselben Modells haben.

    Zu meinem (positiven!) Erstaunen lese ich im Dudenband 9, dass diese mühsam eingepaukte Regelung offenbar nicht mehr so streng gesehen wird. Da sich meistens aus dem Zusammenhang ergibt, was gemeint ist, können diese Demonstrativpronomen synonym verwendet werden – es sei denn, es besteht Verwechslungsgefahr.

    In Sachen Rechtschreibung ist es ziemlich verwirrend, dass etwa dieselbe Hose zusammengeschrieben wird, die gleiche Hose allerdings getrennt. Erklären lässt sich das vermutlich damit, dass dieselbe als verschmolzene Einheit aus die und selbe verstanden wird, bei die gleiche aber das Adjektiv gleich(e) noch als eigenständig wahrgenommen wird. Es wird aber noch schwieriger – und zwar dann, wenn danach kein Substantiv steht. Dann haben wir es nämlich mit einer Substantivierung zu tun, allerdings mit einer ebenso kuriosen:

    Wenn eine Regierungschefin dasselbe tut wie eine Bürgerin, ist es dennoch nicht das Gleiche.

    Mir leuchtet überhaupt nicht ein, warum dasselbe auch in dieser hier ganz offensichtlichen Substantivierung klein geschrieben werden muss, während das Gleiche, ganz korrekt, groß geschrieben wird.

    Hier reiht sich vermutlich dieselbe/derselbe/dasselbe in die Reihe jener Wörter ein, die auch bei ganz offensichtlicher Substantivierung stets klein geschrieben werden (die wenigen Ausnahmefälle lassen wir jetzt mal beiseite): eine, andere, viel, wenig, meiste.

    Da dies aber schon immer so war und sich mit der Reform nicht geändert hat, sind wir wohl an das Schriftbild gewöhnt und machen uns keine allzu großen Gedanken darüber. Im Zweifelsfall empfiehlt sich die mehr oder weniger elegante Umschiffung dieser Klippe.

  • Der Januar ist mein Monat!

    Geschrieben am 14. Januar 2011 Dagmar Jenner 11 Kommentare

    Kryptische Überschrift, was? Diejenigen unter euch, die in Österreich zu Hause sind und meinen Nachnamen präsent haben, wissen vielleicht schon, worum es geht. Gestatten? Mein Name ist Jenner, Dagmar Jenner. In Österreich nennen wir den ersten Monat des Jahres nicht Januar, sondern Jänner. Damit unterscheidet sich der österreichische Januar in nur einem Buchstaben von meinem Nachnamen, was das Buchstabieren sehr leicht macht: Wie der Monat, aber mit e wie Emil, pflege ich zu sagen. In anderen sprachlichen Gefilden komme ich damit natürlich nicht durch, aber beispielsweise in den USA reicht es, auf Bruce Jenner zu verweisen, der in unserem Geburtsjahr (Zwillingsschwester!) 1976 die olympische Goldmedaille im Zehnkampf errang und den meisten ein Begriff ist. Die Schwierigkeiten, die mir mein Vorname auf internationalem Parkett bereitet, sind ein ganz anderes Thema.

    Nun meine Frage an die Leserinnen und Leser aus Deutschland: Könnt ihr mit Jänner was anfangen oder versteht ihr das nur aus dem Kontext? Hierzulande ist allen klar, dass in Deutschland Januar gesagt wird und es wäre logisch, dass das umgekehrt auch der Fall ist (bei vielen anderen Begriffen ist das meiner Erfahrung nach allerdings überhaupt nicht so).

    Prinzipiell finde ich es begrüßenswert, an Wörtern wie Jänner festzuhalten und nicht zum Januar überzuschwenken. „Unser” Monat ist aus dem Sprachgebrauch nicht wegzudenken. Januar wird in meiner Erfahrung, zumindest in Wien, so gut wie nie geschrieben und noch seltener gesagt. Familienintern wird er übrigens auch ganz gerne Jenner genannt, aber das ist ein Thema für sich …

  • Nähr und Tagescreme

    Geschrieben am 8. Januar 2011 Dagmar Jenner 1 Kommentar

    In der Apotheke bei mir um die Ecke wird in der Vitrine Folgendes angepriesen: hauseigene Nähr und Tagescreme. Ganz prinzipiell kann man mich ja mit allem locken, was irgendwie selbst gemacht (darf sich auch selbstgemacht schreiben), öko, bio, Fair-Trade oder alles zusammen ist. Nur: Bei so falscher Rechtschreibung wird die Apotheke mit mir nicht ins Geschäft kommen.

    Richtigerweise müsste es Nähr- und Tagescreme heißen, als verknappte Wiedergabe von Nährcreme und Tagescreme, wobei der Bindestrich als Ergänzungsbindestrich steht und der gemeinsame Bestandteil, nämlich Creme, nur einmal genannt wird.

    Auch bei korrekter Schreibweise wäre nicht klar, ob die Apotheke eine Nährcreme und eine Tagescreme verkauft oder ob es eine Creme ist, die gleichzeitig eine Nährcreme und eine Tagescreme ist (bei Wund- und Heilsalbe etwa wäre es klar, dass es sich um ein Produkt handelt). Bei mir um die Ecke jedenfalls wird eine Nähr und noch dazu eine Tagescreme verkauft, was nicht sonderlich attraktiv wirkt. Ich weiß, was eine Mär ist – aber eine Nähr?

    Wir merken uns: Bei Komposita, die sich ein Element teilen, muss vor dem weggelassenen Bestandteil ein Bindestrich stehen (sofern der gemeinsame Bestandteil an letzter Stelle steht). Schließlich ist es nicht das Gleiche, ob ich selbst gemachte Kinder und Jugendmode schreibe oder selbst gemachte Kinder- und Jugendmode. Denn: Wer möchte schon selbst gemachte Kinder feilbieten?

  • Von runden, halbrunden und unrunden Geburtstagen

    Geschrieben am 6. Januar 2011 Dagmar Jenner 11 Kommentare

    Kürzlich hörte ich im Radio, dass der ehemalige US-Präsident Bill Clinton im neuen Jahr 2011 einen runden Geburtstag feiern würde. Ich überlegte, ob er denn bereits 70 Jahre alt wird. Kurz darauf erwähnte allerdings die Sprecherin, dass Bill Clinton 65 Jährchen alt wird. Das überraschte mich: Ich war bisher der Meinung, dass runde Geburtstage sich dadurch auszeichnen, dass hinten eine Null steht. Darüber hinaus gibt es andere wichtige Geburtstage, wie der „Vierteljahrhunderts”-Geburtstag mit 25, den ich persönlich dann immer als „halbrunden” Geburtstag bezeichnet habe. Ganz offensichtlich gibt es zu dieser Frage aber unterschiedliche Meinungen. Wie seht ihr das?

    Abgesehen davon kann es natürlich sein, dass das Geburtstagskind am Geburtstag, egal ob rund oder halbrund, angesichts der unerbittlich fortschreitenden Jahre etwas unrund ist … aber das ist ein anderes Thema.

  • Der Deppenapostroph in Höchstform

    Geschrieben am 3. Januar 2011 Dagmar Jenner 26 Kommentare

    erfolgsarchitektur-framed2Das neue Jahr fängt ja orthografisch gut an: Komme gerade aus Zürich zurück, wo ich die Einheimischen so gut wie gar nicht verstanden habe. Frisch zurück in Wien bin ich auf eine Website (deren URL ich hier tunlichst verschweige) gestoßen, auf der der Deppenapostroph fröhliche Urständ feiert. Zur Erinnerung: Ein Deppenapostroph ist ein Apostroph, der dort eingefügt wird, wo er absolut nichts zu suchen hat. Zu den Klassikern zählen etwa der Apostroph beim Plural (*Pulli’s) und beim Genitiv-s bei Eigennamen (*Lisi’s Mütze). Darüber hinaus sind aber der Kreativität beim Deppenapostroph ganz offensichtlich keine Grenzen gesetzt.

    Auch hier (siehe Screenshot; zum Vergrößern bitte klicken) dreht sich alles um einen Genitiv, und zwar des Wortes Erfolg. Besonders schlimm wirkt der Deppenapostroph bei zusammengesetzten Substantiven. Schwer zu sagen, was mehr weh tut: die *Erfolg’sArchitektur, die Erfolg’sSäulen, die Erfolg’sZone, die Realisierung Ihres *Erfolg’s … oder doch die Erfolg’sLeistungen? Angesichts dieser Gruseligkeiten nimmt sich die absurde Praxis, mitten im Wort unmotiviert Großbuchstaben zu verwenden, noch vergleichsweise harmlos aus.

    Die Autorin geht aber noch einen Schritt weiter und begnügt sich nicht mit dem Deppenapostroph allein, sondern ersetzt ihn kurzerhand durch einen Gravis, den wir als accent grave etwa aus dem Französischen kennen, wie bei mère, dem französischen Pendant zu Mutter.

    Vor diesem Hintergrund kann das neue Jahr ja nur noch besser werden, meint die orthografische Optimistin in mir …

  • Kommt der “gute Rutsch” von “rutschen”?

    Geschrieben am 28. Dezember 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Im Deutschen wünschen wir uns ja oft einen guten Rutsch ins neue Jahr (hoffentlich richtig geschrieben, nachzulesen hier).

    Wohlgemerkt gibt es in den anderen Sprachen, die ich beherrsche, diesen Ausdruck analog nicht. Kürzlich las ich irgendwo happy landslide, was natürlich gar nicht geht.

    Stellt sich nur die Frage, woher dieser gute Rutsch kommt. Laut meinem Lexikon der populären Sprachirrtümer hat der Ausdruck nichts mit dem Rüberrutschen ins neue Jahr zu tun. Es gibt zwei mögliche Erklärungen: Die eine leitet den guten Rutsch aus dem hebräischen rosch (= Anfang) ab. Damit wäre der gute Rutsch also ein guter Anfang.

    Eine andere Erklärung ist, dass der Ausdruck auf das persische No Ruz zurückgeht, was neuer Tag bedeutet und dann eben auf das gesamte neue Jahr angewendet wird.

    Wie dem auch sei: Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch in ein orthografisch, persönlich und beruflich erfreuliches Jahr 2011!