Neue deutsche Rechtschreibung

Tipps von der Deutsch-Expertin
RSS Icon
  • Weiß wählen vs. weißwählen: doof und knifflig

    Geschrieben am 22. April 2010 Dagmar Jenner 1 Kommentar

    Das Wichtigste vorweg: Ich finde es völlig doof, bei der BundespräsidentInnenwahl auf dem Stimmzettel aus Protest niemanden anzukreuzen. Die politischen Meinungen anlässlich dieser Wahl am Sonntag gehen weit auseinander: Die einen raten dringend davon ab, die anderen empfehlen eben die Strategie, kein Kreuzchen zu setzen und den Stimmzettel “weiß”, also ungültig, einzuwerfen. Es stellt sich nur die Frage: Ist die korrekte Schreibweise weiß wählen oder weißwählen?

    Da das Wort nicht im Duden verzeichnet ist, ist scharfes Nachdenken gefragt: Üblicherweise werden Komposita aus Adjektiv und Verb, die im übertragenen Sinne gemeint sind, zusammengeschrieben: schwerfallen [Aufgabe], freisprechen [vor Gericht], [Betrag] gutschreiben, schiefgehen [misslingen].

    Wenn die wörtliche Bedeutung gemeint ist, wird getrennt geschrieben: schwer fallen [schwerer Sturz], frei sprechen [ohne Notizen], gut schreiben [korrekt schreiben], schief gehen [nicht gerade gehen]. Siehe auch diesen Beitrag.

    In einigen Fällen ist beides erlaubt, etwa bei hart kochen/hartkochen, kaputt machen/kaputtmachen, sauber machen/saubermachen etc. Die etwas komplizierte Erklärung: Das Adjektiv darf nicht zusammengesetzt sein, das Verb darf nicht zusammengesetzt sein und das Adjektiv muss angeben, wie sich das Objekt des Verbs durch die mit dem Verb bezeichnete Tätigkeit verändert. Also: Das Ei hart kochen bzw. hartkochen und das Ei, also das Objekt, ist hart. So weit, so klar. Aber wo ist bei weiß wählen vs. weißwählen das Objekt, das sich durch ebendiese Tätigkeit ändern würde? Es wird zwar mit dem Stimmzettel gewählt, aber der wird beim Wählen schließlich nicht weiß, sondern er wird um ein Kreuzchen reicher – oder bleibt eben, wie er ist.

    Die einzig denkbare Lösung für mich ist, auch wenn man weiß wählen oder weißwählen einfach synonym zu ungültig wählen verstehen könnte: Ich würde wegen der übertragenen Bedeutung zusammenschreiben, also weißwählen. Was meinen die anderen Sprachprofis zu dieser Frage?

  • Warum ein Asche spuckender Vulkan ein aschespuckender Vulkan ist

    Geschrieben am 19. April 2010 Dagmar Jenner 4 Kommentare

    Treuen Leserinnen wird dieses Thema bekannt vorkommen – aber aus gegebenem Anlass sei dieser Klassiker hier erneut behandelt.

    Handelt es sich bei dem Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen um einen Asche spuckenden oder um einen aschespuckenden Vulkan?

    Die Antwort gleich mal vorweg: Beide Schreibweisen sind richtig. Und hier ist die Erklärung: Wenn sich ein Substantiv (also hier Asche) und ein Partizip (also hier spuckend)  zusammentun, dann darf sowohl zusammen- und kleingeschrieben werden als auch getrennt und das Substantiv groß, ergo aschespuckend und Asche spuckend.

    Das funktioniert allerdings nur bei Wörtern, bei denen im Vergleich zur “Langversion” ausschließlich das Relativpronomen eingespart wird:

    Langversion: ein Vulkan, der Asche spuckt
    Kurzversion: ein aschespuckender bzw. Asche spuckender Vulkan
    Eingespart wird in der Kurzversion das Relativpronomen der. Ergebnis: Beide Varianten sind korrekt.

    Ganz anders sieht es bei diesem Beispiel aus:
    Langversion: ein Berg, der mit Schnee bedeckt ist
    Kurzversion: ein schneebedeckter Berg
    Eingespart wird in der Kurzversion nicht nur das Relativpronomen der, sondern auch die Präposition mit. Ergebnis: Nur die Klein- und Zusammenschreibung ist korrekt.

    Mir ist klar, dass diese Regel einigermaßen schwierig und nicht leicht zu merken ist. Wer es sich einfach machen möchte, schreibt Verbindungen aus Substantiv und Partizip einfach immer klein und zusammen und ist damit auf der sicheren Seite. Aber bitte ohne Bindestrich!

  • Füllwörter richtig schreiben: aha, oje, na ja & Konsorten

    Geschrieben am 16. April 2010 Dagmar Jenner 1 Kommentar

    Wer kennt sie nicht, die Füllwörter, die wenig Aussagekraft haben und in der gesprochenen Sprache sehr häufig verwendet werden: na ja, hm, ah ja, aha, oje und Konsorten.

    Gelegentlich kommen sie auch im Schriftlichen vor, etwa in E-Mails. Ich zumindest verwende hin und wieder in E-Mails na ja – und war erstaunt, als ich kürzlich zur Sicherheit nachschlug und erfuhr, dass sich dieses Füllwort getrennt schreibt. Aha, oje, hm wiederum schreiben sich zusammen. Wir sehen: Es lässt sich keine Gesetzmäßigkeit ableiten. Soso als Antwort auf die Frage des eigenen Befindens schreibt sich zusammen.  Im Sinne von aha, alles klar würde ich aber eher getrennt schreiben: So so, du hast also im Lotto gewonnen! Zu diesem Bedeutungsunterschied und der entsprechenden Schreibweise findet sich aber leider keine Information im Duden.

    Einleuchtend ist die Getrenntschreibung von ah ja, weil hier die einzelnen Bestandteile noch nicht als miteinander verschmolzen gelten. Bei na ja wiederum (siehe oben), hätte ich darauf getippt, dass diese beiden Wörter bereits als Einheit gelten. Dem ist aber nicht so. Na ja!

  • Ein Schweizer Käse mit österreichischer Wurst

    Geschrieben am 12. April 2010 Dagmar Jenner 1 Kommentar

    Auch wenn wir es gewohnt sind, wie oben in der Überschrift von Schweizer Käse und etwa österreichischer Wurst zu lesen, wirkt es bei näherer Betrachtung doch paradox, dass zwei gleich gelagerte grammatikalische Fälle unterschiedlich geschrieben werden – nämlich einmal groß und einmal klein. Bei beiden handelt es sich um Adjektive, die aus geografischen Namen abgeleitet sind. Die Regel lautet, dass nicht flektierbare Adjektive, die auf -er enden, großgeschrieben werden. Nicht flektierbar heißt, dass diese Adjektive, egal vor welchem Substantiv und in welchem Fall sie verwendet werden, immer auf -er enden. Eines dieser Beispiele ist eben Schweizer, ebenso wie Wiener Innenstadt, Frankfurter Börse und Pariser Charme.

    In allen anderen Fällen werden die von geografischen Namen abgeleiteten Adjektive kleingeschrieben:
    chinesischer Koch (wegen: chinesische Küche; die Endung variiert also)
    österreichischer Wein (wegen: österreichische Gemütlichkeit; auch hier ändert sich die Endung des Adjektivs je nach folgendem Substantiv)

    Mitunter führt diese Regel zu kuriosen Schriftbildern, wie oben in der Überschrift oder hier:
    Die Schweizer Spielerinnen schlugen die deutschen Spielerinnen.

  • Wozu taugt der Gedankenstrich?

    Geschrieben am 9. April 2010 Dagmar Jenner 3 Kommentare

    Widmen wir uns heute einem Satzzeichen, das zunehmend in Vergessenheit gerät, obwohl es sehr schöne Möglichkeiten der Satzstrukturierung bietet. Willkommen in der Welt des Gedankenstrichs!

    Laut Duden ist der Gedankenstrich ein “stärkeres” Satzzeichen als etwa Komma oder Doppelpunkt.

    Der einfache Gedankenstrich wird etwa zur Signalisierung einer Pause, eines Gedankenwechsels mitten im Satz oder zur Verstärkung eines abschließenden Satzteils verwendet:
    Warte mal es fällt mir gleich ein.
    Da hilft nur noch eins sofort operieren!
    Er sagte kurzfristig ab einfach per E-Mail.

    Dann gibt es noch den so genannten “paarigen” Gedankenstrich, also den Gedankenstrich im Doppelpack. Er dient zur Abgrenzung eingeschobener Sätze oder Satzteile.
    Ihre Forderung wir sagen es nochmals finden wir unverschämt.
    Dieses Buch das wohl beste dieser Autorin wurde in 17 Sprachen übersetzt.

    Achtung: Wenn der Einschub am Ende ein Komma enthält, so entfällt dieses:
    Manche Tiere etwa Junia, meine Katze sind sehr anhänglich.
    Aber: Manche Tiere, etwa Junia, meine Katze, sind sehr anhänglich.

    Andere Satzzeichen wiederum bleiben bei Einschüben zwischen Gedankenstrichen erhalten:
    Mein Bruder du hast ihn doch kennen gelernt? – macht gerade Urlaub.
    Er will leider! – nicht nach Wien reisen.

  • Kommasetzung bei “als”

    Geschrieben am 6. April 2010 Dagmar Jenner 12 Kommentare

    Die Kommasetzung bei der Konjunktion als bereitet oft große Schwierigkeiten. Deshalb habe ich anbei die wichtigsten Regeln zusammengeschrieben:

    Wenn die Konjunktion als einen untergeordneten Temporalsatz (also einen Satz mit Subjekt und Verb) einleitet, muss immer ein Komma gesetzt werden:
    Es wurde bereits dunkel, als ich mit der Arbeit fertig war.
    Als ich gehen wollte, klingelte das Telefon.

    Wenn als einen untergeordneten Vergleichssatz (also einen Satz mit Subjekt und Verb) einleitet, muss auch unbedingt ein Komma stehen:
    Sie ist besser in Mathe, als er es jemals sein wird.
    Kanarienvögel sind sehr viel klüger, als man glauben würde.

    Wenn aber die Konjunktion als vergleichend zwischen Satzteilen steht, darf kein Komma stehen:
    Paris ist größer als Wien. [Aber: Wien wächst derzeit schneller, als Paris in den 80er-Jahren gewachsen ist.]
    Das ist leichter gesagt als getan. [Aber: Ich sage das sehr viel leichter, als ich es tatsächlich tue.]

    Eine nähere Erläuterung mit als steht immer ohne Komma:
    Als Kind war ich sehr sportlich.
    Ich rate dir als guter Freund zur Kündigung.

  • Businessplan vs. Business-Plan

    Geschrieben am 31. März 2010 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Aus zwei Substantiven zusammengesetzte englische Wörter, die auch im Deutschen verwendet werden, richten sich grundsätzlich nach den Regeln der deutschen Orthografie. Dort lautet bei zusammengesetzten Substantiven die Regel, dass zusammenzuschreiben ist. Alternativ, der besseren Lesbarkeit halber, kann ein Bindestrich gesetzt werden. Also:

    Businessplan, auch Business-Plan
    Centrecourt, auch Centre-Court
    Sciencefiction, auch Science-Fiction
    Midlifecrisis, auch Midlife-Crisis

    Was gar nicht geht: Die Getrenntschreibung ohne Bindestrich, also * Business Plan, * Centre Court, * Science Fiction, * Midlife Crisis.

    Etwas schwieriger wird es bei Zusammensetzungen aus Adjektiv oder Partizip mit Substantiv. Mehr dazu in Bälde.

  • Eine Last-Minute-Änderung am Corporate-Governance-Bericht

    Geschrieben am 29. März 2010 Dagmar Jenner 5 Kommentare

    Besonders in Geschäftsberichten, die ich gelegentlich Korrektur lese, tauchen Substantivkomposita auf, die sowohl deutsche als auch englische Wörter enthalten, wobei sich die große Frage stellt, wie diese richtig zu schreiben sind. Konkret geht es dabei um die Bindestriche. Sehr oft lese ich da zum Beispiel *Last Minute-Änderung oder *Corporate Governance-Bericht. Das liegt wohl daran, dass die Schreiberinnen an die englische Grundform, also last minute und corporate governance, denken, die sich ja ohne Bindestrich schreiben. Das ist zwar richtig, nur: Bei der Eindeutschung müssen zwischen allen Bestandteilen des Substantivkompositums Bindestriche stehen. Wir haben es hier mit der so genannten Durchkopplung zu tun. Genauso verhält es sich natürlich auch bei Komposita mit deutschen oder anderen Eigennamen, die vor einiger Zeit für Unmut hier im Blog sorgten, also etwa Roger-Federer-Fan. Bei Eigennamen wird laut Duden auf die Durchkopplung  nur dann verzichtet, wenn der Eigenname in Anführungszeichen steht, also etwa bei “Johnny Cash”-Fanclub.

  • Artikel bei Laptop, Notebook, Release & Co.

    Geschrieben am 22. März 2010 Dagmar Jenner 5 Kommentare

    Kürzlich tauchte die Frage nach dem Genus englischer Wörter auf. Konkret ging es um Laptop, Notebook und Release.

    Dazu ist allgemein zu sagen, dass Anglizismen in der Regel das Genus eines bedeutungsähnlichen heimischen Wortes erhalten, also etwa die Story wegen die Geschichte, das Baby wegen das Kind. Substantive auf -er sind wegen der Ähnlichkeit mit der deutschen Endung -er oft Maskulina: der Browser, der Beamer, Ausnahme: die Power. Ansonsten gibt es dazu noch allgemein zu sagen, dass Fremdwörter mit gleichem Wortausgang im Deutschen meistens das gleiche Genus haben, also etwa die Community und die Publicity, Ausnahme: der Penalty.

    Die erstgenannte Regel schlägt bei Laptop und Notebook voll durch: Laptop ist wohl wegen der Vergleichbarkeit zu der Computer (selbst natürlich ein Anglizismus) maskulin. Erlaubt ist allerdings auch das Laptop; diese Variante wird im Duden an zweiter Stelle angeführt. Beim Notebook wird wohl auf die ursprüngliche Bedeutung im Sinne von das Notizbuch zurückgegriffen und deshalb heißt es das Notebook.

    Das Release wiederum ist sächlich. Warum, ist mir schleierhaft, weil ich dabei an die Veröffentlichung und an die Freigabe denke.

    Etwas weniger eindeutig ist der Fall übrigens bei Fremdwörtern aus dem Französischen: Sehr viel öfter als der Place de la Concorde (weil es im Deutschen der Platz heißt) wird die Place de la Concorde gesagt, wegen des französischen la place.

  • Von Marx-freundlichen und marxfreundlichen Ideologien

    Geschrieben am 19. März 2010 Dagmar Jenner 3 Kommentare

    Keine Sorge, besonders ideologisch geht es im heutigen Beitrag nicht zu! Vor nicht allzu langer Zeit postete ich über Komposita aus Substantiv und Adjektiv und schrieb, dass sie stets klein- und zusammengeschrieben werden müssten, also etwa balltauglich oder feuerfest. Eine aufmerksame Leserin machte mich allerdings darauf aufmerksam, dass es außer der im Post angeführten Ausnahmen noch eine weitere gibt: nämlich dann, wenn das Substantiv ein Personenname ist.

    In diesem Fall können wir es uns aussuchen, ob wir Marx-freundlich mit Bindestrich oder marxfreundlich ohne Bindestrich, dann aber unbedingt klein und zusammen, schreiben. Der Duden erklärt dazu im Band 9, dass im Allgemeinen die Zusammenschreibung üblich ist, aber wenn der Name hervorgehoben werden soll, kann eben auch der Bindestrich gesetzt werden, also etwa auch eine Allende-belesene Lektorin oder ein Goethe-fester Student. Ob das stilistisch besonders gelungen ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

    Achtung: Diese Wahlmöglichkeit besteht nur dann, wenn es sich um einen einteiligen Eigennamen handelt. Kommt auch der Vorname dazu, muss “durchgekoppelt” werden: Karl-Marx-feindlich, Isabel-Allende-freundlich.

    Wer sich nur eine Regel merken möchte, merkt sich am besten, dass Eigenname (egal ob ein-oder zweiteilig) plus Adjektiv mit Bindestrich geschrieben wird.