Neue deutsche Rechtschreibung

Tipps von der Deutsch-Expertin
RSS Icon
  • Warum ist ein “Ball-taugliches Kleid” orthografisch untauglich?

    Geschrieben am 19. Februar 2010 Dagmar Jenner 3 Kommentare

    In letzter Zeit sind mir falsch geschriebene Adjektive, zusammengesetzt aus Substantiv (also Hauptwort) und Adjektiv (also Eigenschaftswort), aufgefallen. Ein *Ball-taugliches Kleid ist in dieser Form falsch geschrieben, ebenso eine *Grippe-ähnliche Erkrankung. Gleiches gilt für *Nobelpreis-verdächtig.

    Warum man wiederum die Verbindung zwischen Adjektiv und Partizip mal so und mal so schreibt, also etwa Not leidend/notleidend, aber nur schneebedeckt, hatte ich bereits in diesem Beitrag beschrieben. Dabei handelt es sich um ein zugegebenermaßen schwieriges Thema.

    Bevor ein zusammengesetztes Wort zu Papier gebracht wird, sollte also immer überlegt werden, aus welchen Wortarten es besteht. Denn: Ist das Erstglied ein Substantiv und das zweite Glied ein Adjektiv, ist es ganz einfach: Es wird zusammen- und kleingeschrieben. Das liegt daran, dass im Deutschen Adjektive (Ausnahmen unten) stets klein, zusammen und ohne Bindestrich geschrieben werden. Das Adjektiv balltauglich ist auch nichts anderes als heiser, müde oder krank. Auch wenn das Erstglied aus zwei Substantiven besteht, nämlich hier Nobelpreis, gilt das gleiche Prinzip der Zusammen- und Kleinschreibung. Es gilt, sich nicht davon irritieren zu lassen, dass am Anfang ein Substantiv steht. Grammatikalisch ist nobelpreisverdächtig ganz klar ein Adjektiv. Gleiches gilt etwa für bienenfleißig, kinderfreundlich und feuerfest.

    Erste Ausnahme: Werden Kurzwörter, Einzelbuchstaben oder Ziffern mit einem Adjektiv verbunden, muss ein Bindestrich stehen:
    x-beliebig, 17-jährig, EU-konform

    Zweite Ausnahme: Wenn sich zwei Adjektive zusammentun und sie mit und oder zwischen verbunden sein könnten, muss ein Bindestrich gesetzt werden:
    ein kalt-warmes Büffet (Büffet mit warmen und mit kalten Speisen)
    die österreichisch-ungarische Grenze (Grenze zwischen Österreich und Ungarn)

    Auch wenn nasskaltes Wetter sowohl nass als auch kalt ist, wird das Adjektiv als semantische Einheit verstanden und deshalb zusammengeschrieben, ohne Bindestrich.

    Aber: hellblau, dunkelrot etc., weil hier nicht und zwischen den beiden Elementen stehen könnte.

  • Faschingsdienstag, Faschings-Dienstag, *Faschings Dienstag?

    Geschrieben am 16. Februar 2010 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Es ist wieder so weit: Heute ist Faschingsdienstag und der will gefeiert werden! Aber bevor wir die Kostümierung anlegen, überlegen wir doch kurz, wie sich dieser Tag korrekterweise schreibt. In der Überschrift stehen drei Varianten. Ich hoffe sehr, dass euch die erste am besten gefällt und die letzte Variante gar nicht. Ein Sternchen davor bedeutet immer: falsch!

    Wie ich immer wieder gerne wiederhole, werden zusammengesetzte Substantive im Deutschen in der Regel zusammengeschrieben. Bei besonders langen und unübersichtlichen Zusammensetzungen (auch Komposita genannt) kann auch ein Bindestrich gesetzt werden. Aber wenn ein so genanntes Fugen-s zwischen den beiden Wörtern steht (wie hier bei Fasching + Dienstag = Faschingsdienstag), wird die Zusammenschreibung ohne Bindestrich bevorzugt. Wer mag, kann auch Faschings-Dienstag schreiben. Der allgemeine Sprachgebrauch tendiert allerdings ganz klar zu Faschingsdienstag. Ganz falsch wäre *Faschings Dienstag, eben weil die Getrenntschreibung von zusammengesetzten Substantiven im Deutschen nicht möglich ist.

    In diesem Sinne: viel Spaß am heutigen Faschingsdienstag!

  • “Durch dick und dünn”, aber “Groß und Klein”

    Geschrieben am 15. Februar 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Wie am Freitag angedroht, nun ein Beitrag über noch schwierigere Fälle der Groß- und Kleinschreibung von Adjektiven (also Eigenschaftswörtern). Ich persönlich finde gerade diese Fälle nicht besonders logisch, aber was soll’s. Da hilft wohl nur noch eins: auswendig lernen!

    Nicht deklinierte Adjektive in festen adverbialen Verbindungen mit Präposition werden kleingeschrieben. Das sind also Eigenschaftswörter, die in ihrer Grundform angeführt werden (dick, dünn, kurz, lang etc.) und denen eine Präposition voransteht (von, über, auf etc.):

    durch dick und dünn, über kurz oder lang, von klein auf, von nah und fern, auf stur schalten

    Nicht deklinierte Adjektive in substantivisch verwendeten Paarformeln wiederum werden großgeschrieben, sofern sie auch ohne Präposition stehen können:

    Jung und Alt, Arm und Reich, Groß und Klein, Gleich und Gleich, Hoch und Niedrig, Gut und Böse

    Wem das willkürlich erscheint: Das sehe ich auch so. Ich habe versucht, eine Logik dahinter zu suchen und zu verstehen, bin aber auf keinen grünen Zweig gekommen. Die Erklärung, dass Paarformeln solche sind, die auch ohne Präposition stehen können, erscheint mir, ehrlich gesagt, etwas konstruiert. Auch die substantivische Verwendung finde ich willkürlich angesetzt, weil man durch dick und dünn ebenso als substantivisch verwendet verstehen könnte wie Groß und Klein. Und schließlich schreibt man das Adjektiv trocken bei auf dem Trockenen sitzen ja auch groß. Dabei handelt es sich zwar um ein dekliniertes Adjektiv, aber warum muss krampfhaft unterschieden werden? Das hätte wirklich einfacher gestaltet werden können … schade!

  • “Bis auf Weiteres” oder “bis auf weiteres”? Beides!

    Geschrieben am 12. Februar 2010 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Heute wenden wir uns der Groß- und Kleinschreibung von Adjektiven zu. Wie ich bereits in einem früheren Beitrag schrieb, müssen Adjektive bei einer Substantivierung großgeschrieben werden: alles Gute, nichts Neues, das Schöne.

    Nun gibt es aber einige Fälle, in denen Wahlfreiheit zwischen der Groß- und Kleinschreibung besteht. Die Wahlfreiheit gilt dann, wenn das Adjektiv dekliniert ist (also nicht in der Grundform wie etwa neu verwendet wird) und kein Artikel davorsteht.

    Hier eine (nicht vollständige) Liste:
    von Neuem/von neuem, von Weitem/von weitem, bis auf Weiteres/bis auf weiteres, ohne Weiteres/ohne weiteres, seit Längerem/seit längerem, vor Kurzem/vor kurzem

    Aber: Sobald ein Artikel davorsteht, gilt die Substantivierung und das Adjektiv muss großgeschrieben werden: des Öfteren, des Weiteren.

    Wem das zu kompliziert ist, schreibt deklinierte Adjektive in Verbindung mit Präposition (von, auf, ohne etc.) und/oder Artikel einfach groß und ist damit auf der sicheren Seite.

    Anders sieht es aus, wenn die Adjektive nicht dekliniert sind, also in ihrer Grundform verwendet werden. Mehr dazu in meinem nächsten Beitrag.

  • Komma bei nachgestellten Erläuterungen

    Geschrieben am 10. Februar 2010 Dagmar Jenner 11 Kommentare

    Aufgrund der ungebremst großen Nachfrage heute wieder einmal ein Beitrag über die allseits beliebten Kommas,  die auch eingefleischten Sprachprofis immer wieder zu schaffen machen (falls das jemandem zum Troste gereicht).

    Heute sehen wir uns die Kommasetzung bei so genannten nachgestellten Erläuterungen an. Aber erstmal zur Frage, was nachgestellte Erläuterungen eigentlich sind. Nachgestellte Erläuterungen geben Zusatzinformation zu einem davor stehenden Wort und werden meist durch charakteristische Wörter und Wortgruppen eingeleitet: also, besonders, das heißt, insbesondere, nämlich, und zwar, zum Beispiel

    Deutlicher wird es anhand der unten stehenden Beispiele (die nachgestellte Erläuterung habe ich unterstrichen). Was die Kommasetzung betrifft: Vor einer nachgestellten Erläuterung muss immer ein Komma stehen.

    Obst, besonders Erdbeeren und Kirschen, isst sie gern.
    Er sagte seine Teilnahme ab
    , und zwar per E-Mail.
    Sie ist blau, das heißt
    betrunken.

    Im ersten Satz lautet die nachgestellte Erläuterung besonders Erdbeeren und Kirschen. Da der Satz danach noch weitergeht, muss nach der nachgestellten Erläuterung ein weiteres Komma stehen.

    Achtung beim dritten Satz: Wenn durch das heißt ein Nebensatz eingeleitet wird (was hier nicht der Fall ist), muss auch nach das heißt ein Komma stehen. Nähere Informationen dazu gibt’s hier.

  • Auslassungspunkte bei Aufzählung

    Geschrieben am 4. Februar 2010 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Dass zwischen den Bestandteilen einer Aufzählung Kommas stehen müssen, hatte ich schon behandelt. Und dass vor etc. und vor usw. kein Komma stehen darf, ebenso.

    Vor kurzem tauchte die Frage auf, wie mit dem Komma umzugehen sei, wenn am Ende einer Aufzählung drei Pünktchen stehen (Auslassungspunkte genannt), womit angedeutet wird, dass die Aufzählung noch weitere Bestandteile hat. Beispiel:

    Wir haben dieses Kleid in Grün, Gelb, Rosa, … ODER
    Wir haben dieses Kleid in Grün, Gelb, Rosa …

    Das sehr hilfreiche Duden-Taschenbuch “Komma, Punkt und alle andere Satzzeichen” liefert die Antwort, unter “Die Auslassungspunkte in Verbindung mit anderen Satzzeichen”. Hier steht: “Bricht der Satz an einer Stelle ab, an der ein Komma stehen müsste, so entfällt dieses.”

    Korrekt ist also nur die Variante ohne Komma nach Rosa:

    Wir haben dieses Kleid in Grün, Gelb, Rosa …

  • Apposition im Akkusativ oder im Nominativ?

    Geschrieben am 2. Februar 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Kürzlich erreichte mich eine schwierige grammatikalische Frage. Sie lautete folgendermaßen:

    Welche Variante dieses Werbetextes ist korrekt?

    1. Neben wertvollen Ingredienzien wie Öle und Duftstoffe führen wir ausschließlich biologische Produkte.
    2. Neben wertvollen Ingredienzien wie Ölen und  Duftstoffen führen wir ausschließlich biologische Produkte.

    Muss die Apposition, also der Beisatz Öle und Duftstoffe, im Nominativ (wie in Satz 1) oder im Akkusativ (wie in Satz 2) stehen? Das Bezugswort Ingredienzien steht wohlgemerkt im Akkusativ.

    Laut Duden steht eine Apposition in der Regel im gleichen Kasus wie ihr Bezugsausdruck, weshalb nach dieser Regel nur die zweite oben genannte Variante korrekt ist.

    Bei Ausdrücken mit wie oder als kann die Apposition aber als elliptischer Vergleichssatz verstanden werden, weshalb auch der Nominativ erlaubt ist. Ein Beispiel: Es geschah an einem Tag wie jedem anderen (alles im Dativ) und Es geschah an einem Tag wie jeder andere (zweiter Teil im Nominativ).

    Abgesehen von diesem bekannten Zitat ist standardsprachlich laut Duden aber die Kasusgleichheit vorzuziehen. Letztlich ist also beides erlaubt, aber Variante 2 oben bevorzugt anzuwenden.

  • Der 1€-Jobber, korrekt geschrieben

    Geschrieben am 28. Januar 2010 Dagmar Jenner 5 Kommentare

    Auf der Facebook-Fanseite “Gute Rechtschreibung” wurde mir kürzlich die Frage gestellt, wie sich 1-Euro-Jobber korrekt schreibt, wenn anstelle von Euro das Euro-Zeichen (€) verwendet wird. In der ausgeschriebenen Variante muss “durchgekoppelt” werden, d. h., es werden zwischen allen Bestandteilen des Wortes Bindestriche gesetzt, also so: Ein-Euro-Jobber und auch 1-Euro-Jobber.

    Wenn man/frau sich aber dafür entscheidet, das Wort Euro durch € zu ersetzen, kommt analog die Regel zur Anwendung, die besagt, dass “aus grafischen Gründen das Prozentzeichen ohne Bindestrich hinter die Ziffer gesetzt wird” (Duden-Band 9). Als Beispiel wird 5%-Klausel angeführt.

    Die Dame der Duden-Sprachberatung, mit der ich diese Frage besprach, bestätigte mir, dass die oben genannte Regel analog auch bei Währungen angewendet wird. Die richtige Schreibweise lautet also 1€-Jobber.

    Allerdings könnte man/frau auch die Schreibweise 1-€-Jobber argumentieren (siehe oben, “Durchkopplung”). Rein optisch gefällt mir aber die Lösung mit nur einem Bindestrich besser.

  • Euro-Zeichen vor oder hinter dem Betrag?

    Geschrieben am 25. Januar 2010 Dagmar Jenner 6 Kommentare

    Kürzlich wurde ich bei einem Vortrag gefragt, ob bei Geldbeträgen das Euro-Zeichen € oder aber auch die Abkürzung EUR vor oder nach dem Betrag stehen müsse. Gute Frage! Ad hoc setze ich immer das Euro-Zeichen vor den entsprechenden Betrag. Allerdings schreibt der Duden (Band 9) zu diesem Thema Folgendes:

    Die Währungseinheit ist im Allgemeinen nach dem Betrag zu schreiben, weil sie auch erst nach der Zahl gesprochen wird. Man schreibt also in fortlaufenden Texten, Geschäftsbriefen usw. 3,45 €; 270,00 EUR usw. In Aufstellungen und im Zahlungsverkehr kann das Währungszeichen aus Gründen der besseren Übersicht auch vorangestellt werden (€ 3,45; EUR 0,05).

    Einleuchtend, nicht? Gleiches gilt natürlich auch für andere Währungen.
    Schwierig wird es für diejenigen, die viel mit der englischen Sprache arbeiten, denn dort wird auch im Fließtext in der Regel das Währungszeichen zuerst gesetzt, auch wenn die Währung auch im Englischen erst nach dem Betrag ausgesprochen wird.

    Übrigens: Im Deutschen lautet der Plural von Euro auch Euro; das Gleiche gilt für Cent. Im Spanischen, Französischen und Portugiesischen lautet laut einem Informationsblatt der Europäischen Zentralbank der Plural von euro wiederum euros (in beiden Fällen kleingeschrieben, weil in diesen Sprachen Substantive kleingeschrieben werden).  Ebenso verhält es sich in diesen drei Sprachen mit dem Plural von cent: Korrekt ist cents. Wobei in Frankreich aber nach wie vor gerne centimes gesagt wird …

  • Zweifelsfälle bei der Substantivierung von Infinitiven

    Geschrieben am 22. Januar 2010 Dagmar Jenner 16 Kommentare

    Ein langer Titel für ein wichtiges Thema: Nachdem ich kürzlich Allgemeines über die Substantivierung von Infinitiven und Adjektiven berichtet habe, möchte ich mich heute ein paar Zweifelsfällen zuwenden, zumal in der Facebook-Newsgroup “Gute Rechtschreibung” einige Fragen dazu aufgetaucht sind.

    Wenn Infinitive in einem Satz ohne Artikel oder ohne nähere Bestimmung auftauchen, ist es oft nicht klar, ob es sich um einen verbalen Infinitiv (mit Kleinschreibung) oder um einen substantivierten Infinitiv (mit Großschreibung) handelt. In solchen Fällen ist sowohl die Großschreibung als auch die Kleinschreibung erlaubt. Beispiele:

    Ich finde, dass schlafen gut für die Gesundheit ist.
    Ich finde, dass Schlafen gut für die Gesundheit ist. [gemeint: das Schlafen]

    Jeder weiß, dass geben seliger ist als nehmen.
    Jeder weiß, dass Geben seliger ist als Nehmen. [gemeint: das Geben und das Nehmen]

    Werden die substantivierten Infinitive aber als illustrierende Beispiele zu einem substantivischen Bezugswort verwendet, gilt nur die Großschreibung:
    Zu den Aufgaben einer Pilotin gehören Starten, Fliegen und Landen.

    Infinitive, die direkt von Modalverben (also wollen, dürfen, können, müssen, sollen, mögen) abhängen, werden immer kleingeschrieben:
    Ich will endlich schlafen.
    Du sollst nicht töten.
    Er muss lernen.

    Oft wird der Fehler gemacht, dass verbale Infinitive, also “normale” Infinitive, bei denen nichts auf eine substantivische Verwendung schließen lässt, großgeschrieben werden. Die folgenden Beispiele sind falsch und die Kleinschreibung des Infinitivs ist korrekt:

    * Hier gibt es nichts zu Sehen.
    * Bitte bald Zurückrufen!
    * Es wird ersucht, das Fenster zu Schließen.

    Generell kann man sich merken, dass zu + Infinitiv immer kleingeschrieben wird; es sei denn, ein Artikel gesellt sich zum zu und wird zu zum:
    Es ist zum Heulen.