Neue deutsche Rechtschreibung
Tipps von der Deutsch-Expertin-
Gehen oder laufen, das ist hier die Frage
Geschrieben am 15. Juli 2011 15 KommentareWenn wir schon bei den locker-leichten Sommerthemen sind, möchte ich heute über ein kurioses Faktum berichten, das mir bereits in meiner Zeit an der deutschen Schule in Mexiko Kopfzerbrechen bereitete. Und zwar sagte da gelegentlich eine Lehrerin zu mir: Lauf bitte ins Sekretariat und hole neue Kreide!
Ich tat, wie mir geheißen, und sprintete ins Sekretariat. Außer Atem kam ich zurück, nur um von der verwunderten Lehrerin zu hören, dass es doch keinen Grund zur Eile gegeben hätte. Darauf ich: Aber Sie haben doch gesagt, dass ich laufen soll!
Darauf sie: Ja, aber doch nicht, dass du rennen sollst!
Ergebnis: Ratlosigkeit bei allen beiden Beteiligten.
Das Problem: In Österreich ist laufen in etwa gleichbedeutend mit rennen, aber auf jeden Fall nicht das gleiche wie gehen. Deshalb gibt es schließlich zwei verschiedene Verben für zwei unterschiedliche Arten der Fortbewegung. Wer gemächlich unterwegs ist, geht. Wer es eilig hat, läuft. So weit, so logisch.
Aus mir völlig unerfindlichen Gründen wird offensichtlich in Deutschland (oder in Teilen davon, so genau kann ich das nicht beurteilen) gehen und laufen synonym verwendet. Es stellt sich die Frage: Warum? Sind hier nicht Missverständnisse vorprogrammiert? Warum wird laufen gesagt, wenn gehen gemeint ist? Und wie finde ich heraus, ob nun jemand wirklich gelaufen, also gerannt ist?
Bei den folgenden Beispielen hat die Leserin keine Ahnung, in welchem Tempo sich die betreffende Person fortbewegt hat.
Sie lief die Allee hinunter.
Hat die gute Frau einen Spaziergang gemacht oder hat sie Lauftraining betrieben?Der Hund lief dem Kleinkind hinterher.
Hat der Hund das Kleinkind verfolgt oder ist er freundschaftlich hinter ihm hinterhergetrottet? Müssen wir um das Leben des Kleinkinds besorgt sein?Wir sind heute zwei Stunden gelaufen.
Bei einem Halbmarathon ist man gut und gerne zwei Stunden laufend unterwegs. Oder sind diese Menschen doch nur gemütlich spazieren gegangen?Nun also meine Frage an alle Leserinnen und Leser: Wie trefft ihr die Unterscheidung? Verwendet ihr laufen und gehen synonym? Wenn ja, hat dies in der Vergangenheit zu Verständigungsschwierigkeiten geführt? Und wie ist das etwa in der Schweiz?
Ich freue mich auf eure Gedanken zu diesem Thema.
-
Österreichisch für AnfängerInnen: Lexik
Geschrieben am 12. Juli 2011 12 KommentareSchon klar, dass es die Sprache „Österreichisch” nicht gibt; aber eine griffige Überschrift ist immer gut. Letztlich wird auch in Österreich Deutsch gesprochen, allerdings in einer Art und Weise, die Deutsche jenseits des Weißwurstäquators oft vor große Rätsel stellt. Das noch viel größere Rätsel ist für mich, warum wir in Österreich Deutsche meistens (unter Bemühungen) verstehen, auch wenn uns ihre Lexik und Aussprache oft Spanisch vorkommen. Warum funktioniert das nicht in die andere Richtung? Ob es an gutem Willen mangelt? Oder liegt es schlicht daran, dass Österreicherinnen durch das deutsche Fernsehen viel eher dem deutschen Deutsch exponiert sind als Deutsche dem österreichischen Deutsch?
Egal; ich will nicht abschweifen. Angesichts des heißen Wetters, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, wollen wir uns heute mit einem locker-leichten Thema beschäftigen. Ich wünsche viel Spaß beim Raten. Mitraten dürfen natürlich nur Leute, die die unten stehenden Begriffe noch nie gehört oder gelesen haben. Nachschlagen ist natürlich auch nicht erlaubt. Es würde mich interessieren, was Uneingeweihte ad hoc mit diesen Formulierungen verbinden.
Auf die Plätze, fertig, los!
Hier die Beispiele; die fraglichen Begriffe sind kursiv gesetzt. Damit das Ganze lustiger wird, liefere ich bewusst wenig Kontextinfo.
1. Wir werden dieses Problem heuer angehen.
2. Ich glaube nicht, dass sich das ausgeht.
3. Passt das für dich?
4. Er hat mich neulich einfach versetzt.
5. Peter ist zum wiederholten Male im Häfen.
6. Das Häusel ist sehr klein.
-
Das Duo “weder/noch”
Geschrieben am 4. Juli 2011 7 KommentareHeute las ich in der Zeitung ausnahmsweise mal eine korrekte Kommasetzung:
Weder dementieren wir das, noch bestätigen wir es.
Allerdings: Der Satz wäre genauso richtig gewesen, wenn da kein Komma gestanden wäre. Warum?
In diesem Fall haben wir es mit der Verbindung von zwei Hauptsätzen zu tun. Das Komma vor noch ist optional. Richtig ist also auch die folgende Schreibweise:
Weder dementieren wir das noch bestätigen wir es.
Mir gefällt die Lösung mit Komma viel besser, weil dadurch der Satz strukturierter und besser lesbar wirkt.
Anders verhält sich das Ganze, wenn das Duo weder/noch als so genannte mehrgliedrige Konjunktion aufgezählte Satzteile verbindet:
Ich habe weder Hunger noch Durst.
Er kann weder rechnen noch rechtschreiben.
Bei den oben genannten Beispielen wäre ein Komma vor noch wohlgemerkt falsch.Wenn eine Aufzählung mit weder/noch nachgestellt ist, muss vor weder ein Komma stehen.
Ich brauche nichts, weder etwas zu essen noch etwas zu trinken.
Er kann nichts, weder rechnen noch rechtschreiben. -
Wenn plötzlich niemand mehr sitzenbleibt
Geschrieben am 28. Juni 2011 2 KommentareIn Österreich wird derzeit wild darüber debattiert, ob es Schülerinnen und Schülern erlaubt sein sollte, mit drei negativen Noten dennoch in die nächste Klasse aufzusteigen. Gleichzeitig läuft ein Bildungsvolksbegehren, das unter dem Motto „Österreich darf nicht sitzen bleiben” steht und derzeit eher mäßigen Zuspruch erlebt.
Ob Leistung in der Schule mittlerweile ein Tabu-Thema ist oder sein soll, ist eine Streitfrage, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Orthografisch interessant ist bei diesem Thema, besonders knapp vor Schulschluss, die Schreibweise sitzen bleiben vs. sitzenbleiben. Wie erwähnt, firmiert das Bildungsvolksbegehren unter „Österreich darf nicht sitzen bleiben”. Es stellt sich die Frage, ob diese Schreibweise richtig ist oder ob das Organisationsteam mit dieser Leistung selbst eine Fünf bekommt.
Wir erinnern uns: Die Verbindung aus zwei Verben wird stets getrennt geschrieben, wie ich etwa hier ausgeführt habe. Beispiele: spazieren gehen, schreiben lernen, lieben lernen etc. Wenn allerdings das zweite Verb bleiben oder lassen lautet, dürfen wir auch, sofern der übertragene Sinn gemeint ist, zusammenschreiben.
Es ist eben nicht das Gleiche, ob jemand physisch an ihrem Platz sitzen bleibt oder ob jemand in der Schule sitzenbleibt, also nicht in die nächste Klasse aufsteigen darf. Um diesen Unterschied auch im Schriftbild zu betonen, darf beim übertragenen Sinn ausnahmsweise zusammengeschrieben werden. Allerdings ist die Getrenntschreibung der Verben natürlich auch beim übertragenen Sinn nicht falsch. Ich persönlich finde es besser, die unterschiedliche Bedeutung sichtbar zu machen. Insofern ist der Slogan „Österreich darf nicht sitzen bleiben” so oder so völlig korrekt. Da davon ausgegangen werden darf, dass der übertragene Sinn gemeint ist – dass also quasi Österreich auf jeden Fall in die nächste „Klasse” aufsteigen möchte – , würde ich hier die Zusammenschreibung bevorzugen.
Übrigens gilt die Regel natürlich nicht nur im Infinitiv, sondern auch bei den gebeugten Verbformen:
Trotz Aufforderung zum Aufstehen ist Peter einfach an seinem Platz sitzen geblieben.
Anna setzt alles daran, damit sie nicht in der 4. Klasse sitzenbleibt. [auch: sitzen bleibt]
-
Alternativen am Satzanfang
Geschrieben am 19. Juni 2011 Keine KommentareJa, klar wird am Satzanfang großgeschrieben, werden sich einige angesichts dieser Überschrift denken. Allerdings gibt es da auch knifflige Fälle.
Kürzlich tauchte in einem Kommentar zu einem Blog-Beitrag die Frage auf, wie mit Großschreibung am Satzanfang in der folgenden Konstellation umzugehen sei:
Die Kundin/der Kunde kann jederzeit im Geschäft vorbeikommen.
Oder:
Der Schüler/die Schülerin zeichnet sich durch überdurchschnittlichen Lernerfolg aus.
In diesem Fall meinte ein Leser, dass der Kunde einen alternativen Satzanfang darstelle und deshalb der Artikel großgeschrieben werden müsse. Bisher hatte ich in diesen Fällen die Kleinschreibung gewählt. Wenn ich es mir recht überlege, ergibt die Kleinschreibung allerdings in diesem Fall wenig Sinn.
Deshalb empfehle ich, wie der erwähnte Leser auch, die Großschreibung:
Die Kundin/Der Kunde kann jederzeit im Geschäft vorbeikommen.
Der Schüler/Die Schülerin zeichnet sich durch überdurchschnittlichen Lernerfolg aus.Wenn zusätzliche Attribute vor dem Substantiv stehen, mutet das Ganze vom Schriftbild her wohl etwas eigenartig an, aber was soll’s. Beispiel:
Die hochgeschätzte langjährige Stammkundin/Der hochgeschätzte langjährige Stammkunde kann jederzeit im Geschäft vorbeikommen.
Wenn die Alternative am Satzanfang lediglich aus einem Wort besteht, sieht es optisch natürlich am besten aus:
Er/Sie ist jederzeit herzlich willkommen.
Morgen/Übermorgen sind in unserem Hotel noch Zimmer frei.Wobei wir uns natürlich mit anderen Schreibweisen aus der Affäre ziehen könnten, etwa:
Er bzw. sie ist jederzeit herzlich willkommen.
Morgen und übermorgen sind in unserem Hotel noch Zimmer frei.
Übrigens: Auch wenn es vielleicht so aussehen mag, geht es in diesem Fall nicht (nur) ums Gendern. Bei den meisten Beispielen bot es sich bloß an, weibliche und männliche Formen zu wählen. Genauso denkbar sind natürlich Varianten wie diese, etwa in einem Formular:
Ich/Wir überweise(n) den folgenden Betrag auf Ihr Konto.
Dieses Beispiel stammt aus dem Dudenband 9 („Richtiges und gutes Deutsch”), womit die oben erwähnte Meinung des Lesers also bestätigt wäre.
-
Zweifelsfälle beim Doppelpunkt
Geschrieben am 10. Juni 2011 2 KommentareGestern wurde der folgende Kommentar bei einem Beitrag zum Thema Groß- oder Kleinschreibung nach Doppelpunkt hinterlassen:
Die Duden-Regel 93 Punkt 2 besagt:
Nach einem Doppelpunkt kann groß- oder kleingeschrieben werden, wenn der folgende Satz (wie ein Teilsatz) auch mit Gedankenstrich oder Komma angeschlossen werden könnte.
Beispiel:
Das Haus, die Wirtschaftsgebäude, die Stallungen: Alles/alles war den Flammen zum Opfer gefallen.
(Denn man könnte auch schreiben: Das Haus, die Wirtschaftsgebäude, die Stallungen ‒ alles war den Flammen zum Opfer gefallen.)Muss man demnach z. B. in folgenden Sätzen die Kleinschreibung korrigieren?
Der Wutausbruch verkörpert seine Einstellung: die des Menschen, der alles hat und sich alles erlaubt.
Er verkörpert, was er auch predigt: den gütigen Menschen, der immer zu helfen bereit ist.Eine sehr gute Frage! Prinzipiell gilt natürlich die Grundregel, dass dann großgeschrieben werden muss, wenn nach dem Doppelpunkt ein vollständiger Satz steht. Aber es gibt eben Sonderfälle wie den oben beschriebenen. Allerdings wäre ein Gedankenstrich oder Komma in den beiden fraglichen Fällen nicht möglich, weshalb diese Ausnahmeregelung nicht zur Anwendung kommt.
Sehen wir uns die kniffligen Fälle einzeln an:
Der Wutausbruch verkörpert seine Einstellung: die des Menschen, der alles hat und sich alles erlaubt.
Meine werte Meinung dazu ist, dass es sich hier um eine Ellipse handelt, dass also ein Satzteil, nämlich Einstellung, eingespart und nicht wiederholt wird. Deshalb empfehle ich in diesem Fall die Kleinschreibung. Wie seht ihr das?Im Dudenband 9 („Richtiges und gutes Deutsch”) lese ich übrigens Folgendes:
Oft folgt auf einen Doppelpunkt ein Ausdruck, der kein vollständiger Satz mit Personalform ist oder der nur aus Nebensätzen besteht. Sieht man diesen Ausdruck als selbstständig an, so schreibt man ihn groß, sonst klein.Als Beispiel wird angeführt:
Vieles hat man ihm verziehen: dass er egozentrisch war und dass er Menschen verletzte, die ihm ihre Hilfe anboten.Das ist meiner Meinung nach auch die Überlegung, die auf den zweiten Satz anzuwenden ist:
Er verkörpert, was er auch predigt: den gütigen Menschen, der immer zu helfen bereit ist.Bin gespannt, ob es dazu abweichende Meinungen gibt. Auch wenn ich bei vielen Leserinnen die Sehnsucht nach strengen Regeln für alle orthografischen Fragen erlebe, finde ich es persönlich sehr angenehm, bei selten auftretenden Fragen ein wenig Entscheidungsspielraum zu haben.
-
So ticken Gaddafi-treue Truppen
Geschrieben am 30. Mai 2011 7 KommentareHeute in der Früh las ich in der Zeitung von Gaddafi-treuen Gruppen. Ganz abgesehen von der Tatsache, ob es eine gute Idee ist, einem weitestgehend realitätsentrückten Diktator die Treue zu halten, stolperte ich über die Schreibweise Gaddafi-treu. Hier handelt es sich um eine Verbindung aus Substantiv und Adjektiv. Wenn sich ein Substantiv und ein Partizip zusammentun, wird es übrigens besonders kompliziert (mehr dazu hier und hier).
Bei Gaddafi haben wir es nicht nur mit einem Substantiv, sondern auch mit einem Eigennamen zu tun, weshalb hier andere Regeln gelten als etwa bei feuerfest oder wasserdicht. Da es mehr als legitim ist, den Eigennamen als solchen kenntlich zu machen, darf hier sowohl klein- und zusammengeschrieben werden als auch groß und mit Bindestrich. Es kann also sowohl heißen:
Die gaddafitreuen Truppen halten weiterhin ihre Stellung.
Als auch:
Die Gaddafi-treuen Gruppen halten weiterhin ihre Stellung.
Gleiches gilt natürlich für alle anderen Eigennamen. Womit ich festhalten möchte, dass die Schreibweise in der Zeitung völlig korrekt war.
Gehen wir nun einen Schritt weiter: Was ist, wenn ein Vor- und Nachname mit einem Adjektiv verbunden wird, etwa Fidel Castro oder auch gekrönte Häupter, die nur unter ihrem Vornamen bekannt sind, etwa Maria Theresia?
In diesem Fall ist nur die Großschreibung des Eigennamens erlaubt, in Kombination mit Bindestrichen (die berühmte „Durchkoppelung”):
Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez ist für ihre Fidel-Castro-kritischen (bzw. Raúl-Castro-kritischen) Wortmeldungen bekannt.
Die Schreibweise *Fidelcastro-kritisch würde schließlich eher eigenartig anmuten, ebenso wie *fidelcastrokritisch.
-
Wer über zwanzig ist, schreibt sich … wie?
Geschrieben am 27. Mai 2011 14 KommentareVor einiger Zeit erreichte mich eine Anfrage, über die ich immer wieder nachgedacht habe. Sie lautete wie folgt:
Probleme bereiten mir die Überfünfzigjährigen und die Unterdreijährigen. Das sind schreckliche Wörter, aber, wenn sie vorkommen, wie schreibt man sie im Satzzusammenhang am besten?
Ad hoc dachte ich: Wie wäre es mit über Zwanzigjährige bzw. über 20-Jährige? Aber sicher war ich mir nicht.
Zu meiner großen Freude hilft hier der Duden (Band 9, Gutes und richtiges Deutsch) weiter, und zwar unter dem Eintrag über.
Da steht zu lesen, dass diese Fügung weder zusammengeschrieben werden darf noch mit Bindestrich versehen werden darf, also nicht: *die Überzwanzigjährigen (wie die Leserin vorschlug) oder *die Über-Zwanzigjährigen, sondern nur die über Zwanzigjährigen. Genauso erlaubt ist natürlich die über 20-Jährigen.
Argumentiert wird das folgendermaßen: Hier wird über als Adverb, wie z. B. fast oder bereits gebraucht: Die fast Zwanzigjährige ist von zu Hause ausgezogen. Die bereits Zwanzigjährige studiert im 3. Semester an der Uni.
Analog dazu verhält es sich mit den unter Zwanzigjährigen bzw. unter 20-Jährigen.
Wie geht es euch damit? Bevorzugt ihr die Schreibweise über Zwanzigjährige oder über 20-Jährige? Oder wollt ihr die Fügung als Kompositum verstehen und, der Duden-Empfehlung zum Trotz, Überzwanzigjährige schreiben? Die Tatsache, dass sich diese Fügung in vielen Fällen anders lösen lässt, etwa mit Menschen über 20 Jahre, lassen wir hier mal beiseite.
-
Wenn Sprache verharmlost
Geschrieben am 19. Mai 2011 2 KommentareHeute lehne ich mich mal politisch und sprachpolitisch ein wenig aus dem Fenster. Die Tatsache, dass der (Noch-)Chef des Internationalen Währungsfonds, der Franzose Dominique Strauss-Kahn, in New York wegen Vergewaltigung angeklagt wird, dürfte bekannt sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Sehen wir uns mal an, zu welcher Wortmeldung diese Tatsache einen gewissen österreichischen Nationalratsabgeordneten namens Wolfgang Großruck hinreißt (übrigens würde es mich nicht wundern, wenn bundesdeutsche LeserInnen Verständnisschwierigkeiten haben). Hier das Video.
Er sagte: „Obwohl er schon ein reiferer Mann, zeigt Dominique Strauss, was er noch kann. Fürs Protokoll bitte kann mit stummem h schreiben.” [also Kahn]
Würden wir den Hintergrund nicht kennen, könnten wir denken, dass hier von einem sympathischen älteren Herrn die Rede ist, der sich nach wie vor mit seiner Frau (oder einer sonstigen Freiwilligen) vergnügt.
Ich finde diese Wortmeldung unerhört, denn es steht der Vorwurf sexueller Nötigung im Raum. In den Augen von Wolfgang Großruck geht es aber offensichtlich nicht um erzwungenen Geschlechtsverkehr (oder den Versuch), sondern um die Tatsache, dass der gute „DSK”, wie er in Frankreich genannt wird, „noch kann”. Dies transportiert das Denken, dass Frauen jederzeit frei verfügbar sind und dass man sie sich nur zu „nehmen” braucht. Ob die betroffene Frau das auch will, ist in diesem Weltbild offensichtlich nebensächlich. Besonders skandalös finde ich, dass dieser Abgeordnete mit einer solchen Aussage auch noch Gelächter erntet (die wenigen weiblichen Abgeordneten im österreichischen Nationalrat können übrigens ein Liedchen über die dortige Frauenfeindlichkeit singen, die gerne durch schlüpfrige Witze zum Ausdruck kommt).
Ganz klassisch auch die Reaktion des Abgeordneten auf die Rücktrittsforderungen, ebenfalls im Video zu sehen und hören: Er entschuldigt sich nicht inhaltlich für seine Aussage, sondern er entschuldigt sich bei denjenigen, die seine Ironie falsch verstanden haben und sich betroffen fühlten. Wie praktisch, und auch ganz klassisch in der Politik: Schuld ist nicht der, der Unfassbares sagt, sondern jene, die daran Anstoß nehmen. Da wundert es kaum, dass mit dieser Wischiwaschi-Entschuldigung die Angelegenheit für die Spitze der ÖVP (Österreichische Volkspartei) erledigt ist.
Ebenso schlimm finde ich es, wenn ich in Zeitungen in Bezug auf Strauss-Kahn von Sex-Affäre lese. Ganz ehrlich: Das Wort Sex ist positiv behaftet. Bei Dominique Strauss-Kahn und der Hotelangestellten geht es aber nicht um freiwilligen Geschlechtsverkehr, sondern um solchen unter Gewaltanwendung. Warum wird das Kind nicht beim Namen genannt? Es geht um sexuellen Missbrauch und um Vergewaltigung. Sex-Affäre klingt nach Seitensprung und ist ein schönes Beispiel, wie durch Sprache Sachverhalte verharmlost werden. Letztlich steht in diesem Fall, siehe Video, ja sogar noch der Täter in einem positiven Licht da. Schließlich zeigt er ja, was er kann!
Ein weiteres Beispiel für verharmlosende Sprache ist häusliche Gewalt. Dass darunter körperlicher, psychischer und sexueller Missbrauch von Frauen und Kindern gemeint ist, transportiert der Begriff mitnichten.
-
Der Apostroph beim Genitiv
Geschrieben am 16. Mai 2011 11 KommentareWer diese Überschrift schnell liest, hört womöglich schon die Alarmglocken schrillen: Ist nun auch die Autorin dieser Zeilen dem Deppenapostroph à la *Michi’s Auto und *Manuela’s Katze zum Opfer gefallen? Nein, keinesfalls. Denn:
Es stimmt, dass Apostrophe beim Genitiv, anders als im Englischen, die absolute Ausnahme sind. Aber es gibt sie. Und in bestimmten Fällen sind sie Pflicht. Diese Fälle sind zugegebenermaßen eher selten. Sehr oft bietet sich auch eine Umformulierung an, die sich obendrein eleganter liest und besser klingt. Aber fangen wir mal ganz am Anfang an.
Es mögen sich bitte alle, die mit der deutschen Rechtschreibung auf Kriegsfuß stehen, bitte zumindest eines merken: Der Genitiv wird im Deutschen nicht mit Apostroph gebildet. Noch einfacher gesagt: Der Genitiv ist der zweite Fall, auch Wesfall genannt, und beschreibt, wenn etwas zu jemandem gehört. Damit ist der Genitiv also der Fall der Zugehörigkeit oder auch der Herkunft. Wenn das grüne Auto meiner Freundin Helga gehört, heißt das auf Deutsch Helgas Auto, während es im Englischen Helga’s car heißen würde. So weit, so klar – hoffentlich.
So, nun gibt es aber Eigennamen bzw. Substantive, die folgende Endungen haben und üblicherweise nicht von einem Artikel begleitet werden: -s, -ss, -ß, -tz, -x, -ce.
Beispiele: Jorge Luis Borges, Bregenz, Günter Grass, Chamonix usw.In diesen Fällen darf nicht wie im oben genannten Beispiel ein -s beim Genitiv drangehängt werden. Das würde sehr kurios aussehen:
*Jorge Luis Borgess Lebenswerk ist wenig umfangreich.
Vielmehr ersetzt in solchen Fällen ein Apostroph das Genitiv-s. Es muss also heißen:
Jorge Luis Borges’ Lebenswerk ist wenig umfangreich.
Davon abgesehen ist es in meiner Einschätzung sowieso phonetisch schöner, den Satzinhalt folgendermaßen auszudrücken:
Das Lebenswerk von Jorge Luis Borges ist wenig umfangreich.
Abschließend: Wer hier nur kurz vorbeisurft, sich wenig für die Details der deutschen Rechtschreibung interessiert und sich deshalb nur eine Regel merken möchte: Finger weg vom Apostroph beim Genitiv! Rechtschreib-Fans wiederum werden sich auch für die oben stehenden Ausführungen interessieren.
Kommentare und Meinungen jederzeit willkommen.





