Haben Sie potenziell Potenzial?

Dieses Thema knüpft eng an den letzten Eintrag an – auch hier geht es um die Schreibung nach dem Stammprinzip. Eine oft gestellte Frage lautet, ob man Potential oder Potenzial schreiben muss. Die salomonische Antwort: Beides ist korrekt. Früher war nur Potential erlaubt.

Woran liegt das? Die Schreibung mit z wird jetzt in allen Fällen möglich, in denen sich das betroffene Wort einem verwandten Wort mit z zuordnen lässt. Sie können aber nach wie vor die traditionelle Schreibweise verwenden!

Da Potential von Potenz kommt, können Sie nun auch schreiben: Potenzial und potenziell.
Ebenso:
substanziell (wegen Substanz)
essenziell (wegen Essenz)
Differenzial (wegen Differenz)

Wie gesagt: Die klassischen Schreibweisen (substantiell, essentiell, Differential etc.) sind weiterhin korrekt!

Von überschwänglichen Gämsen

Hinter diesem etwas kryptischen Titel versteckt sich eine wichtige Änderung der Rechtschreibreform. Das Zauberwort lautet „Schreibung nach dem Stammprinzip“. Das bedeutet, dass Wörter, die von einem bestimmten anderen Wort abstammen, analog zum „Stammwort“ geschrieben werden. Beispiel gefällig? Während man früher „numerieren“ schrieb, obwohl das Wort ganz klar von „Nummer“ stammt, schreibt man jetzt konsequenterweise „nummerieren“. Diese Änderungen stellt eine der vielen deutlichen Erleichterungen der deutschen Rechtschreibung dar.

Weitere Beispiele:

platzieren wegen Platz
Gämse
wegen Gams
Stopp
wegen stoppen
tollpatschig wegen toll
belämmert
wegen Lamm
Quäntchen
wegen Quantum
überschwänglich
wegen Überschwang
Stängel wegen Stange

Wahlfreiheit besteht bei aufwändig oder aufwendig, weil man hier als „Stammwort“ entweder Aufwand oder aufwenden verstehen kann.

Wie schreibt man Superlative?

Ein Fehler, den auch Sprachprofis häufig machen, ist die Schreibweise der Superlative. Wenn ein Superlativ mit aufs eingeleitet wird, hat man bzw. frau die Qual der Wahl: Es darf klein- oder auch großgeschrieben werden. Beispiele:

Es ist alles aufs Beste geregelt./Es ist alles aufs beste geregelt.
Die Gäste waren aufs Äußerste erfreut./Die Gäste waren aufs äußerste erfreut.

ABER: Steht vor dem Superlativ am, muss immer kleingeschrieben werden. Also:

Dieses Kleid gefällt mir am besten.
Er isst am liebsten Vanilleeis.
Die Sprache, die am schwierigsten zu erlernen ist.

Willkommen: gerne, aber bitte richtig!

„Herzlich Willkommen“ lese ich immer wieder auf Schildern, Speisekarten in Restaurants und Websites. Nur: Was inhaltlich durchaus begrüßenswert ist, ist orthografisch völlig verkehrt. Denn: Das Wörtchen willkommen ist ein Adjektiv und wird hier auch als solches verwendet – weshalb es ausschließlich kleinzuschreiben ist. Weitere Beispiele:
Ich freue mich, Sie bei der heutigen Diskussionsveranstaltung willkommen zu heißen.
Er hatte den Eindruck, bei der Party nicht willkommen zu sein.

Bei einer Substantivierung, die man unter anderem an einem vorangestellten Artikel erkennt, schreibt man willkommen natürlich groß:
Ein herzliches Willkommen an unsere neuen Studierenden.
Danke für dieses schöne Willkommen.

Das scharfe s lebt!

Ein weiterer sich hartnäckig haltender Mythos rund um die neue deutsche Rechtschreibung besagt, dass das scharfe s (also das ß) abgeschafft wurde. Das ist Unsinn – und es wurde meines Wissens auch nie in Erwägung gezogen, es ganz abzuschaffen. Weiterhin ganz ohne ß schreiben dürfen Sie nur in der Schweiz (aber auch das hat natürlich nichts mit der Rechtschreibreform zu tun).

Generell sind die Regeln, ob man ss oder ß schreiben muss, viel einfacher geworden als früher.

Hier sind sie:

Nach langem Vokal (a, e, i, o, u) und Doppellaut (au, eu, ei, ai, äu) schreibt man ß: Floß, Maß, reißen, beißen, äußern
Ansonsten immer ss: dass, Fluss, Fass, Riss, Bewusstsein

Das gilt wohlgemerkt nur für Fälle, bei denen Sie immer schon die Wahl zwischen ss und ß hatten! Aber ich gehe mal davon aus, dass Sie nicht in Versuchung kommen werden, z.B. lesen mit scharfem s zu schreiben, weil Sie es hier mit einem langen Vokal zu tun haben. Erklärung für Grammatikfans: Ein stimmloses s  – in Lautsprache [z] geschrieben – schreibt sich im Deutschen immer mit einem einzelnen s. Praktischerweise wissen das Muttersprachlerinnen ganz instinktiv.