Tipps von der Deutsch-Expertin
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  • Der Weißwurstäquator lässt grüßen

    Geschrieben am 23. Juli 2011 Dagmar Jenner 6 Kommentare

    Weiter geht’s bei den Unterschieden zwischen dem in Österreich (sowie eventuell Süddeutschland und der Schweiz) und dem in (Rest-)Deutschland gesprochenen Deutsch. Dass der Weißwurstäquator an einer nicht abschließend definierten Stelle Bayern kreuzt und somit eine Art imaginäre Sprach- und Kulturgrenze darstellt, dürfte bekannt sein.

    Kürzlich erlebte ich, wie eine junge deutsche Frau in der Straßenbahn einem älteren Mann ihren Sitzplatz anbot. Der wehrte sich ein bisschen, woraufhin sie antwortete: „Bitte nehmen Sie Platz – ich habe sowieso den ganzen Tag gesessen.”

    Der Mann, vom Akzent her klar als Wiener identifizierbar, schaute dankbar, aber auch etwas verwirrt. Warum? Der Satz klang wohl in seinen Ohren – und auch in meinen – ein bisschen eigenartig. Nicht inhaltlich, sondern grammatikalisch, versteht sich.

    Eine Österreicherin hätte nämlich Folgendes gesagt: „Bitte nehmen Sie Platz – ich bin sowieso den ganzen Tag gesessen.”

    Es geht hier also um die Bildung des Perfekts mit haben oder sein. Das Angenehme dabei: Beide Varianten sind korrekt. Wenig überraschend verzeichnet der Duden (Band 9) die Variante mit sein als hauptsächlich auf Österreich, Süddeutschland und die Schweiz beschränkt. Als Beispiele für Verben, bei denen dieser regionale Unterschied zuschlägt, führt der Duden liegen, stehen und sitzen an. Fallen den werten Leserinnen und Lesern noch andere Verben ein, bei denen es sich genauso verhält?

    Wenden wir uns mal von den regionalen Unterschieden ab und einigen Regeln der Perfektbildung zu. Ich war sehr erstaunt zu lesen, dass laut Duden bestimmte Bewegungsverben das Perfekt sowohl mit haben als auch mit sein bilden können. Beispiele:

    Sie ist gefahren.
    Auch richtig: Sie hat gefahren.

    Die zweite Variante klingt für mich sehr ungewohnt. Laut Duden setzt sich hier die Perfektbildung mit sein zunehmend durch, was ich persönlich sehr begrüße. Außerdem führt der Duden aus, dass die Perfektbildung mit haben darauf schließen lässt, dass das Subjekt selbst aktiv war, also hier gefahren ist, während die Pluralbildung mit sein eher an einen Fahrgast denken lässt. Vielleicht sind wir in Österreich primitiv, aber diese Unterscheidung gibt es hierzulande meines Wissens nicht.

    Allerdings: Sobald eine Richtungsangabe mit im Spiel ist, ist die Perfektbildung mit haben nicht mehr möglich:

    Falsch: Sie hat nach Wien gefahren.
    Richtig: Sie ist nach Wien gefahren.

    So, nachdem wir uns jetzt vom Speziellen zum Allgemeinen vorgearbeitet haben, sei noch die allgemeine Regel verraten, die Deutsch-Muttersprachlerinnen intuitiv wissen: Bei der überwiegenden Mehrzahl der Verben wird das Perfekt mit haben gebildet.

    In diesem Sinne: Ich habe heute den ganzen Tag gearbeitet und habe soeben einen Blog-Beitrag geschrieben.
    Jetzt gibt’s Abendessen/Abendbrot … vielleicht mit Weißwurst, ganz ohne Äquator.

  • Die Spannung und Erwartung war spürbar – oder waren?

    Geschrieben am 18. Oktober 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Wenden wir uns heute einem Thema zu, das mich und vermutlich auch zahlreiche andere oft ins Grübeln bringt. Wie im Fall oben in der Überschrift stellt sich manchmal die Frage, ob das Verb im Singular oder im Plural stehen soll. In der Grammatik nennt sich das übrigens Kongruenz im Numerus. In den einfachen Fällen ist die Regel kinderleicht: mehrere Subjektteile = Verb im Plural.

    Meine Katze und mein Hund teilen sich einen Fressnapf.

    Aber die Sonderregelungen haben es in sich! So genannte formelhafte Subjekte (also Subjekte aus mehreren Teilen, die aber als Einheit verstanden werden) haben oft das Verb im Singular (der Plural ist auch möglich, erscheint mir aber weniger üblich):

    Angst und Schrecken macht sich breit.

    Wenn sich die Subjekte einen Artikel oder ein Attribut teilen, muss das Verb im Singular stehen:

    Die Spannung und Erwartung war auf dem Höhepunkt.
    Es herrschte viel Kummer und Not.

    Wenn die Subjektteile Infinitive ohne begleitende Artikel sind, muss ebenso der Singular stehen:

    An ihr Ohr drang lachen und weinen.

    Sobald vor solchen Infinitiv-Subjektteilen aber ein Artikel steht, muss das Verb im Plural stehen:

    Das Lernen und das Scheitern machten ihn stark.

    Weitere Beispiele oder Fragen zu diesem Thema sind natürlich jederzeit willkommen!

  • Was ist ein vollständiger Satz?

    Geschrieben am 18. September 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Die Frage im Titel mag ad hoc absurd anmuten. Als vollständiger Satz gilt gemeinhin ein Satz, der ein Subjekt und ein Prädikat hat. In letzter Zeit habe ich einige Fälle gesammelt, bei denen ich mir nicht sicher war, ob es sich um einen vollständigen Satz handelt oder nicht. Die Frage ist besonders dann relevant, wenn es um die Entscheidung zwischen der Groß- und Kleinschreibung geht. Anbei ein paar der schwierigen Fälle, zu denen ich die WAHRIG-Sprachberatung befragt habe:

    Eines ist sicher: D/dass das Geld verloren ist.
    Allgemeine Information über das Tontaubenschießen: E/eine Sportart, die nur Menschen über 18 ausüben dürfen.

    Die Sprachberatung schreibt mir dazu in ihrer rasanten E-Mail-Antwort, dass die Beispiele sowohl als Teilsatz als auch als elliptischer Hauptsatz verstanden werden können und dass somit Wahlfreiheit zwischen der Groß- und Kleinschreibung nach dem Doppelpunkt besteht.

    Wie seht ihr das? Habt ihr weitere diesbezügliche Zweifelsfälle parat?

  • Kongruenz bei Währungen

    Geschrieben am 5. September 2010 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Heute wollen wir uns wieder mal mit einem schwierigen Thema beschäftigen, nämlich der allseits beliebten Kongruenz (hier Kongruenz im Numerus). Was ist eurer Meinung nach ad hoc korrekt?

    10 Euro pro Stunde ist zu wenig.

    Oder:

    10 Euro pro Stunde sind zu wenig.

    In diesem Fall, in dem wir es mit dem Verb sein zu tun haben, sind beide Varianten korrekt. Logischerweise darf bei 1 Euro natürlich nur der Singular stehen.

    Wenn aber ein anderes Verb in Zusammenhang mit einer Mengenangabe (größer als 1) und Währung auftaucht, ist standardsprachlich nur der Plural erlaubt, während in der Umgangssprache auch gerne der Singular verwendet wird:

    80 Euro reichen [reicht] nicht.
    Pro Seite werden [wird] 7,50 Euro in Rechnung gestellt.

  • Qualität hat seinen Preis?

    Geschrieben am 17. März 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Hat die Lektüre dieser Überschrift weh getan? Ich hoffe es! Schließlich habe ich dafür bewusst das falsche Possessivpronomen gewählt, nämlich seinen anstelle von ihren.

    Sehen wir uns mal die Regel an: Das Possessivpronomen muss im Genus mit dem Bezugswort übereinstimmen. Wenn es also um eine Eigenschaft der Qualität geht, die ja schließlich ein Femininum ist, muss das entsprechende Possessivpronomen auch im Femininum stehen. Also: Qualität hat ihren Preis.

    Laut Duden wird gegen diese Regel häufig verstoßen, wie auch ein fleißiger Leser dieses Blogs anmerkte. Als Parade-Falschbeispiele werden im Duden angeführt:

    Die Sache hat *seine Richtigkeit. (korrekt: ihre Richtigkeit, da die Sache)
    Eine Reise in die Schweiz hat *seine Reize. (korrekt: ihre Reize, da die Reise)

    So richtig schön verwirrend ist diese Regel etwa für Französisch-Muttersprachlerinnen, wo das Possessivpronomen sich nicht nach dem Bezugswort, sondern nach dem Objekt richtet:
    La qualité a son prix. (Qualität hat ihren Preis. Im Französischen ist das Possessivpronomen das männliche son, weil es bei le prix/der Preis steht, auch wenn das Bezugswort la qualité ein Femininum ist.)

  • Zum Frauentag: die Unsichtbarkeit von Frauen in der Sprache

    Geschrieben am 8. März 2010 Dagmar Jenner 7 Kommentare

    Seit einiger Zeit befasse ich mich im Rahmen meiner Dissertation mit dem Verhältnis zwischen Sprache und Geschlecht. Die feministische Linguistik sieht Sprache als eines von vielen Mitteln der androzentrisch-patriarchalischen Gesellschaft, um Frauen zu benachteiligen oder unsichtbar zu machen. Unter anderem kommt dies durch die Verwendung des so genannten generischen Maskulinums zum Ausdruck, will heißen: Bei personenbezogenen Substantiven gilt die männliche Form als Standard, zu dem sich auch Frauen zu zählen haben. Ein Lehrer kann also genauso gut eine Lehrerin sein, aber umgekehrt - Gott bewahre! Schließlich ist, wie es nicht nur Simone de Beauvoir recht treffend beschrieben hat, der Mann der Standard und die Frau eben das andere. Als eigenständiges Wesen wurde die Frau über die Jahrhunderte nicht einmal mitgedacht, was eindrucksvoll durch das Studium älterer Gesetzestexte, allerdings bis hinauf ins 19. und 20. Jahrhundert, zum Ausdruck kommt. Dass Frauen kein Recht auf Eigentum (nicht mal ihre eigene Mitgift), keine Menschen- und Bürgerrechte geschweige denn das Recht auf höhere Bildung hatten, galt jahrhundertelang als “Naturrecht”.

    Wem es noch nicht aufgefallen ist: In diesem Blog verwende ich personenbezogene Substantive, besonders im Plural, ausschließlich in der weiblichen Form (das generische Femininum), ganz in der Tradition von Luise Pusch. Interessanterweise stößt die Sichtbarmachung von Frauen ausgerechnet bei Frauen oft auf radikale Ablehnung, während ihr Männer oft entspannt gegenüberstehen. Wenn, wie viele behaupten, das männliche Substantiv tatsächlich auch das weibliche umfassen sollte (was schon logisch Unsinn ist), müsste der folgende Satz grammatikalisch korrekt sein: * Jeder Lehrer bringt ihre eigene Kreide mit.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass viele einen Kommentar zu diesen Ausführungen posten möchten, weshalb ich gleich mal um Sachlichkeit ersuchen möchte. In diesem Sinne wünsche ich allen Angehörigen der größten benachteiligten Bevölkerungsgruppe der Welt einen wunderschönen Frauentag. Auf dass bald eine Frau Rektorin einer österreichischen Uni wird, mehr als 27,32 % Frauen im Nationalrat sitzen und mehr als eine Handvoll Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen. Es gibt auf vielen Gebieten noch viel zu tun!  Die sprachliche Ebene ist dabei eine ganz fundamentale, weil Sprache immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist und Sprache wiederum einen Einfluss auf das Denken haben kann.

  • Der Blog oder das Blog?

    Geschrieben am 6. März 2010 Dagmar Jenner 13 Kommentare

    Auch wenn dieser Eintrag für Deutschlernende am relevantesten ist, schadet es auch Muttersprachlerinnen nicht, sich der Genuszuweisung bei zusammengesetzten Substantiven, also Komposita, bewusst zu werden.

    Die grundlegende Regel ist die, dass das so genannte Zweitglied das Genus des gesamten zusammengesetzten Wortes bestimmt.
    Beispiele:
    das Haus + die Arbeit = die Hausarbeit
    der Flug + das Zeug = das Flugzeug
    die Biene + der Stock = der Bienenstock

    Genauso verhält es sich bei Komposita, die aus Fremdwörtern bestehen, also zum Beispiel Blog, der zusammengezogenen Form vom englischen web (deutsch das Web)  und vom ebenso englischen logbook (deutsch das Logbuch).  Es tun sich also zwei sächliche Substantive zusammen. Aufmerksame Leserinnen werden sich jetzt fragen, warum ich dennoch immer der Blog schreibe. Grammatikalisch ist das unsinnig, aber vom Duden immerhin erlaubt. Ich kann keine andere Erklärung als die anbieten, dass sich in Österreich der Blog ganz klar durchgesetzt hat, genauso wie das E-Mail. Außerdem klingt in meinen Ohren der Blog besser als das Blog, aber das ist in der Regel ein eher schlechtes Argument: Schließlich wird hier in Österreich gerne das Monat und das Teller gesagt, was offensichtlich in den betreffenden Ohren gut und richtig klingt …

  • Was ist eine “finite Verbform”?

    Geschrieben am 3. März 2010 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Kürzlich las ich in einem Duden-Band über Nebensätze nach. Nebensätze werden unter anderem so definiert, dass die finite Verbform am Schluss des Satzes steht. Der daneben stehende Beispielsatz machte das Ganze deutlich (… weil ich müde bin). Dennoch drängte sich die Frage auf: Was genau ist eigentlich eine finite Verbform?

    Die Antwort ist dankenswerterweise recht simpel. Unter einer finiten Verbform, auch Finitum oder Personalform genannt, versteht sich schlicht ein in Person und Numerus flektiertes Verb. Auch das kann einfacher ausgedrückt werden: ein konjugiertes Verb, also eben beispielsweise du schläfst oder wir sind gegangen.

    Dadurch wird der Unterschied zum allseits bekannten Infinitiv betont, der da eben beispielsweise schlafen oder gehen lautet.

  • Apposition im Akkusativ oder im Nominativ?

    Geschrieben am 2. Februar 2010 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Kürzlich erreichte mich eine schwierige grammatikalische Frage. Sie lautete folgendermaßen:

    Welche Variante dieses Werbetextes ist korrekt?

    1. Neben wertvollen Ingredienzien wie Öle und Duftstoffe führen wir ausschließlich biologische Produkte.
    2. Neben wertvollen Ingredienzien wie Ölen und  Duftstoffen führen wir ausschließlich biologische Produkte.

    Muss die Apposition, also der Beisatz Öle und Duftstoffe, im Nominativ (wie in Satz 1) oder im Akkusativ (wie in Satz 2) stehen? Das Bezugswort Ingredienzien steht wohlgemerkt im Akkusativ.

    Laut Duden steht eine Apposition in der Regel im gleichen Kasus wie ihr Bezugsausdruck, weshalb nach dieser Regel nur die zweite oben genannte Variante korrekt ist.

    Bei Ausdrücken mit wie oder als kann die Apposition aber als elliptischer Vergleichssatz verstanden werden, weshalb auch der Nominativ erlaubt ist. Ein Beispiel: Es geschah an einem Tag wie jedem anderen (alles im Dativ) und Es geschah an einem Tag wie jeder andere (zweiter Teil im Nominativ).

    Abgesehen von diesem bekannten Zitat ist standardsprachlich laut Duden aber die Kasusgleichheit vorzuziehen. Letztlich ist also beides erlaubt, aber Variante 2 oben bevorzugt anzuwenden.