Tipps von der Deutsch-Expertin
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  • Erste, zweite und letzte

    Geschrieben am 31. Januar 2012 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Kürzlich wurde in einem Kommentar die Frage aufgeworfen, wie erstere, ersterer und ersteres zu schreiben ist. Das ist gar kein so leichtes Thema.

    Wenn erstere bzw. ersterer attributiv verwendet wird, also bei einem Substantiv steht und dieses näher bestimmt, muss kleingeschrieben werden.

    Beispiel: Das erstere Stück hat mir besser gefallen als das andere.

    Knifflig wird es, wenn das Wort erstere wahlweise als Ellipse (also als Aussparung eines Wortes) oder als Substantivierung verstanden werden kann. Je nach Geschmack sind etwa im folgenden Fall beide Interpretationen und damit auch beide Schreibweisen richtig:

    Von den beiden Kleidern hat mir ersteres besonders gut gefallen.
    (Ellipse, um die Wortwiederholung Kleid zu vermeiden.)
    Von den beiden Kleidern hat mir Ersteres besonders gut gefallen.
    (Hier wird Ersteres als Substantivierung angesehen und nicht als Ellipse.)

    Sehr viel häufiger wird allerdings die Substantivierung Ersteres verwendet, die sich auf einen bekannten Sachverhalt bezieht und die immer großgeschrieben werden muss.

    Möchten Sie Wein oder Wasser? Ich entscheide mich für Ersteres.

    Relativ einfach wiederum ist die Sache beim Superlativ erste/Erste bzw. erster/Erster.

    Steht ein Artikel davor, handelt es sich um eine Substantivierung, die unbedingt nach der Großschreibung verlangt:

    Die Letzten werden die Ersten sein.
    Dieser Skifahrer ist der ewige Zweite.

    Attributiv wiederum muss kleingeschrieben werden: Er hat das erste Foul des Spiels begangen.

    Ganz generell: Wenn sich ein Superlativ auf ein Substantiv davor oder auch danach bezieht, muss er kleingeschrieben werden:

    Susanne ist die beste meiner Schülerinnen.

  • Ski fahren, Schi fahren, skifahren?

    Geschrieben am 19. Dezember 2011 Dagmar Jenner 7 Kommentare

    Da ich gerade vom Schifahren in Vail (Colorado, USA) zurückgekommen bin, widmen wir uns diesem Wintersport, dessen Saison gerade beginnt. Die kulturellen Unterschiede zwischen Österreich und den USA beim Anstellen am Schilift wären auch einige Ausführungen wert, haben aber nichts mit der deutschen Rechtschreibung zu tun.  Linguistisch gesehen interessant sind die Deutsch- und Englisch-Varianten, die ausgewanderte Österreicherinnen und Österreicher in den amerikanischen Skigebieten sprechen; aber auch das sprengt den Rahmen. Kehren wir also zurück zum Schifahren bzw. Skifahren.

    Fangen wir beim Sportgerät an: Die Dinger, die wir uns an die Füße schnallen, schreiben sich sowohl Ski als auch Schi. Danach versuchen wir, mit ihnen den Hang runterzufahren, sofern wir das Anstellen am Lift und die Liftfahrt hinter uns gebracht haben. Diese Tätigkeit nennt sich Schi fahren oder Ski fahren, analog zu Auto fahren und Tennis spielen.  Die Schreibweise *skifahren und auch *schifahren ist demnach falsch. Der klassische Einwand ist, dass eislaufen in einem Wort geschrieben wird. Das liegt daran, dass eislaufen eine Ausnahme ist, nachzulesen an dieser Stelle.

    In der Regel wird die Kombination von Substantiv und Verb als Bezeichnung einer Sportart getrennt geschrieben, wobei natürlich das Substantiv großgeschrieben werden muss. Ergo gehen wir Ski fahren oder eben auch Schi fahren. Wenn das Verb konjugiert wird, ändert sich an der Schreibweise des Substantivs und an der Getrenntschreibung nichts: Ich war gestern Ski fahren. Wir planen, am Wochenende Ski zu fahren. Und dass Substantivierungen immer groß- und zusammengeschrieben werden, sollte sich bereits rumgesprochen haben. Falls nicht, gibt es hier Informationen dazu. Grundlegendes zur Substantivierung gibt es hier.

    Beispiele für die Substantivierung: Wir wünschen viel Spaß beim Schifahren!
    Das Schifahren in den Rocky Mountains ist ein teures Vergnügen.
    Natürlich auch möglich: Das Skifahren in den Rocky Mountains ist ein teures Vergnügen.

  • Schönheit kommt nicht von Innen

    Geschrieben am 16. Oktober 2011 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Mit der Überschrift möchte ich nicht gegen den Zeitgeist anschreiben, sondern aufzeigen, dass die Großschreibung falsch ist. Erst vor kurzem sah ich eine wiederverwendbare Tragtasche der Drogerie-Kette dm, auf der in etwa Folgendes zu lesen stand: *Schönheit kommt von Innen … und aus dieser Tasche.

    Inhaltlich ist das ein sehr schöner Gedanke, nur orthografisch ist er nicht korrekt. Hier kommt die Erklärung, warum das falsch ist.

    Adverbien in Verbindung mit Präpositionen gelten nicht als substantiviert und werden kleingeschrieben:

    Beispiele:
    die Jugend von heute
    von gestern sein
    zwischen gestern und morgen
    Farbe für außen und innen

    Beim ersten Beispiel fällt vielleicht einigen der Buchtitel Die Welt von Gestern von Stefan Zweig ein. Orthografisch stimmt das nicht, weil es Die Welt von gestern heißen müsste. Ein richtig gutes Buch, das ich sehr empfehlen kann, ist es allemal.

    Da wir es bei *Schönheit kommt von Innen mit einer Präposition (von) und einem Adverb (innen) zu tun haben, wäre die korrekte Schreibweise diese hier: Schönheit kommt von innen … und aus dieser Tasche.

    Sobald ein Artikel vor dem Adverb steht, gilt natürlich die Substantivierung und damit die verpflichtende Großschreibung.

    Beispiel:
    Das Hier und Heute zählt.

  • Augen Braunzupfen gefällig?

    Geschrieben am 24. August 2011 Dagmar Jenner 4 Kommentare

    augen_braun1Gerade auf Geschäftsschildern finden sich ja häufig orthografische Grausamkeiten. Aber dieses Schild bei einem Frisörsalon bei mir um die Ecke in Wien schießt wirklich den Vogel ab: Es wird *Augen Braunzupfen offeriert. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Aber was ist, wenn die Brauen bzw. *Braun schwarz sind?

    Scherz beiseite: Es ist wirklich erstaunlich, dass so ein riesiges Poster in Druck geht, ohne dass jemandem der haarsträubende Fehler auffällt. Das zeugt meines Erachtens wieder einmal von der allgemeinen Gleichgültigkeit und/oder Planlosigkeit in Sachen Rechtschreibung. Die vom Frisörsalon wissen es offensichtlich nicht besser. Der Druckerei hätte es auffallen können, auch wenn das Korrekturlesen der eingereichten Drucksachen natürlich nicht zu deren Kernkompetenz gehört. Aber es wäre ein netter Kundendienst. Vermutlich hat sich aber auch dort niemand an *Augen Braunzupfen gestört. So nach dem Motto, das ich schon nicht mehr hören kann: Hauptsache verständlich.

    Der Vollständigkeit halber: Korrekt wäre natürlich Augenbrauenzupfen. Die Substantivierung von Verben habe ich wiederholt behandelt, etwa hier.

  • Alternativen am Satzanfang

    Geschrieben am 19. Juni 2011 Dagmar Jenner Keine Kommentare

    Ja, klar wird am Satzanfang großgeschrieben, werden sich einige angesichts dieser Überschrift denken. Allerdings gibt es da auch knifflige Fälle.

    Kürzlich tauchte in einem Kommentar zu einem Blog-Beitrag die Frage auf, wie mit Großschreibung am Satzanfang in der folgenden Konstellation umzugehen sei:

    Die Kundin/der Kunde kann jederzeit im Geschäft vorbeikommen.

    Oder:

    Der Schüler/die Schülerin zeichnet sich durch überdurchschnittlichen Lernerfolg aus.

    In diesem Fall meinte ein Leser, dass der Kunde einen alternativen Satzanfang darstelle und deshalb der Artikel großgeschrieben werden müsse. Bisher hatte ich in diesen Fällen die Kleinschreibung gewählt. Wenn ich es mir recht überlege, ergibt die Kleinschreibung allerdings in diesem Fall wenig Sinn.

    Deshalb empfehle ich, wie der erwähnte Leser auch, die Großschreibung:

    Die Kundin/Der Kunde kann jederzeit im Geschäft vorbeikommen.
    Der Schüler/Die Schülerin zeichnet sich durch überdurchschnittlichen Lernerfolg aus.

    Wenn zusätzliche Attribute vor dem Substantiv stehen, mutet das Ganze vom Schriftbild her wohl etwas eigenartig an, aber was soll’s. Beispiel:

    Die hochgeschätzte langjährige Stammkundin/Der hochgeschätzte langjährige Stammkunde kann jederzeit im Geschäft vorbeikommen.

    Wenn die Alternative am Satzanfang lediglich aus einem Wort besteht, sieht es optisch natürlich am besten aus:

    Er/Sie ist jederzeit herzlich willkommen.
    Morgen/Übermorgen sind in unserem Hotel noch Zimmer frei.

    Wobei wir uns natürlich mit anderen Schreibweisen aus der Affäre ziehen könnten, etwa:

    Er bzw. sie ist jederzeit herzlich willkommen.
    Morgen und übermorgen sind in unserem Hotel noch Zimmer frei.

    Übrigens: Auch wenn es vielleicht so aussehen mag, geht es in diesem Fall nicht (nur) ums Gendern. Bei den meisten Beispielen bot es sich bloß an, weibliche und männliche Formen zu wählen. Genauso denkbar sind natürlich Varianten wie diese, etwa in einem Formular:

    Ich/Wir überweise(n) den folgenden Betrag auf Ihr Konto.

    Dieses Beispiel stammt aus dem Dudenband 9 („Richtiges und gutes Deutsch”), womit die oben erwähnte Meinung des Lesers also bestätigt wäre.

  • Zweifelsfälle beim Doppelpunkt

    Geschrieben am 10. Juni 2011 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Gestern wurde der folgende Kommentar bei einem Beitrag zum Thema Groß- oder Kleinschreibung nach Doppelpunkt hinterlassen:

    Die Duden-Regel 93 Punkt 2 besagt:

    Nach einem Doppelpunkt kann groß- oder kleingeschrieben werden, wenn der folgende Satz (wie ein Teilsatz) auch mit Gedankenstrich oder Komma angeschlossen werden könnte.

    Beispiel:
    Das Haus, die Wirtschaftsgebäude, die Stallungen: Alles/alles war den Flammen zum Opfer gefallen.
    (Denn man könnte auch schreiben: Das Haus, die Wirtschaftsgebäude, die Stallungen ‒ alles war den Flammen zum Opfer gefallen.)

    Muss man demnach z. B. in folgenden Sätzen die Kleinschreibung korrigieren?

    Der Wutausbruch verkörpert seine Einstellung: die des Menschen, der alles hat und sich alles erlaubt.
    Er verkörpert, was er auch predigt: den gütigen Menschen, der immer zu helfen bereit ist.

    Eine sehr gute Frage! Prinzipiell gilt natürlich die Grundregel, dass dann großgeschrieben werden muss, wenn nach dem Doppelpunkt ein vollständiger Satz steht. Aber es gibt eben Sonderfälle wie den oben beschriebenen. Allerdings wäre ein Gedankenstrich oder Komma in den beiden fraglichen Fällen nicht möglich, weshalb diese Ausnahmeregelung nicht zur Anwendung kommt.

    Sehen wir uns die kniffligen Fälle einzeln an:

    Der Wutausbruch verkörpert seine Einstellung: die des Menschen, der alles hat und sich alles erlaubt.

    Meine werte Meinung dazu ist, dass es sich hier um eine Ellipse handelt, dass also ein Satzteil, nämlich Einstellung, eingespart und nicht wiederholt wird. Deshalb empfehle ich in diesem Fall die Kleinschreibung. Wie seht ihr das?

    Im Dudenband 9 („Richtiges und gutes Deutsch”) lese ich übrigens Folgendes:
    Oft folgt auf einen Doppelpunkt ein Ausdruck, der kein vollständiger Satz mit Personalform ist oder der nur aus Nebensätzen besteht. Sieht man diesen Ausdruck als selbstständig an, so schreibt man ihn groß, sonst klein.

    Als Beispiel wird angeführt:
    Vieles hat man ihm verziehen: dass er egozentrisch war und dass er Menschen verletzte, die ihm ihre Hilfe anboten.

    Das ist meiner Meinung nach auch die Überlegung, die auf den zweiten Satz anzuwenden ist:
    Er verkörpert, was er auch predigt: den gütigen Menschen, der immer zu helfen bereit ist.

    Bin gespannt, ob es dazu abweichende Meinungen gibt. Auch wenn ich bei vielen Leserinnen die Sehnsucht nach strengen Regeln für alle orthografischen Fragen erlebe, finde ich es persönlich sehr angenehm, bei selten auftretenden Fragen ein wenig Entscheidungsspielraum zu haben.

  • So ticken Gaddafi-treue Truppen

    Geschrieben am 30. Mai 2011 Dagmar Jenner 7 Kommentare

    Heute in der Früh las ich in der Zeitung von Gaddafi-treuen Gruppen. Ganz abgesehen von der Tatsache, ob es eine gute Idee ist, einem weitestgehend realitätsentrückten Diktator die Treue zu halten, stolperte ich über die Schreibweise Gaddafi-treu. Hier handelt es sich um eine Verbindung aus Substantiv und Adjektiv. Wenn sich ein Substantiv und ein Partizip zusammentun, wird es übrigens besonders kompliziert (mehr dazu hier und hier).

    Bei Gaddafi haben wir es nicht nur mit einem Substantiv, sondern auch mit einem Eigennamen zu tun, weshalb hier andere Regeln gelten als etwa bei feuerfest oder wasserdicht. Da es mehr als legitim ist, den Eigennamen als solchen kenntlich zu machen, darf hier sowohl klein- und zusammengeschrieben werden als auch groß und mit Bindestrich. Es kann also sowohl heißen:

    Die gaddafitreuen Truppen halten weiterhin ihre Stellung.

    Als auch:

    Die Gaddafi-treuen Gruppen halten weiterhin ihre Stellung.

    Gleiches gilt natürlich für alle anderen Eigennamen. Womit ich festhalten möchte, dass die Schreibweise in der Zeitung völlig korrekt war.

    Gehen wir nun einen Schritt weiter: Was ist, wenn ein Vor- und Nachname mit einem Adjektiv verbunden wird, etwa Fidel Castro oder auch gekrönte Häupter, die nur unter ihrem Vornamen bekannt sind, etwa Maria Theresia?

    In diesem Fall ist nur die Großschreibung des Eigennamens erlaubt, in Kombination mit Bindestrichen (die berühmte „Durchkoppelung”):

    Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez ist für ihre Fidel-Castro-kritischen (bzw. Raúl-Castro-kritischen) Wortmeldungen bekannt.

    Die Schreibweise *Fidelcastro-kritisch würde schließlich eher eigenartig anmuten, ebenso wie *fidelcastrokritisch.

  • Das SMS-Schreiben richtig geschrieben

    Geschrieben am 6. Mai 2011 Dagmar Jenner 5 Kommentare

    Kürzlich postete eine Leserin in einem Kommentar eine Frage, die ich ad hoc nicht beantworten konnte. Ich musste erst einmal ein wenig nachdenken. Die Frage lautete wie folgt:

    Meine Frage betrifft die Substantivierung von Verben in Kombination mit Abkürzungen wie beispielsweise: Meine Hobbys sind das PC-Spielen und das SMS-Schreiben.
    Wie wird das richtig geschrieben?

    Gerade in IT-dominierten Zeiten kann ich mir vorstellen, dass Sätze wie der oben genannte keine Seltenheit darstellen. Dieser konkrete Fall wird zwar nicht im Dudenband 9 (Gutes und richtiges Deutsch) behandelt, aber wenn ich es mir recht überlege, müssen wir lediglich zwei Regeln kombinieren, um zu Rätsels Lösung zu gelangen:

    1. Substantivierte Infinitive werden großgeschrieben (hier eindeutig daran erkennbar, dass ein Artikel davorsteht). Ergo: das Spielen und das Schreiben.

    2. Bei Komposita mit Abkürzungen – also hier PC und SMS – muss immer ein Bindestrich stehen. Der Duden liefert hier nur Beispiele mit „normalen” Substantiven (NATO-Staaten, UN-Vollversammlung) sowie Adjektiven (PAL-gerecht), aber das Prinzip ist natürlich auch bei substantivierten Infinitiven dasselbe.

    Ergebnis: Die von der Leserin vermutete Schreibweise ist goldrichtig: Meine Hobbys sind das PC-Spielen und das SMS-Schreiben.

    Da ich weiß, dass die Substantivierung immer wieder für große Schwierigkeiten sorgt, anbei ein Beitrag, in dem Grundsätzliches behandelt wird. Knifflige Fälle der Substantivierung habe ich hier beschrieben.

    Falls jemand eine konkrete Frage hat: Bitte zuerst die Beiträge lesen und versuchen, die darin beschriebenen Regeln auf den eigenen Fall anzuwenden. Bei den meisten Fragen zeigt sich, dass sie mit ein klein wenig Nachdenken selbst beantwortet werden können. Wenn das nicht klappt, bitte einen Kommentar mit der Frage hinterlassen. Danke!

  • Sehr kurios: dasselbe vs. das Gleiche

    Geschrieben am 29. Januar 2011 Dagmar Jenner 10 Kommentare

    Von Kindesbeinen an lernen wir, dass ein Unterschied zwischen dieselbe/derselbe/dasselbe und die gleiche/der gleiche/das gleiche besteht. Zur Illustration: Ersteres sei zu verwenden, wenn es um die Identität des Objekts oder der Person geht, also etwa: Meine Zwillingsschwester und ich haben dieselbe Mutter.

    Wenn wiederum ausgedrückt werden soll, dass es um etwas Ähnliches, aber nicht exakt diese eine Person oder Gegenstand geht, sei die gleiche/der gleiche/das gleiche zu verwenden.

    Also etwa: Meine Zwillingsschwester und ich haben die gleichen Schuhe.
    Will heißen, dass wir uns nicht ein Paar Schuhe teilen, sondern jede ein Paar desselben Modells haben.

    Zu meinem (positiven!) Erstaunen lese ich im Dudenband 9, dass diese mühsam eingepaukte Regelung offenbar nicht mehr so streng gesehen wird. Da sich meistens aus dem Zusammenhang ergibt, was gemeint ist, können diese Demonstrativpronomen synonym verwendet werden – es sei denn, es besteht Verwechslungsgefahr.

    In Sachen Rechtschreibung ist es ziemlich verwirrend, dass etwa dieselbe Hose zusammengeschrieben wird, die gleiche Hose allerdings getrennt. Erklären lässt sich das vermutlich damit, dass dieselbe als verschmolzene Einheit aus die und selbe verstanden wird, bei die gleiche aber das Adjektiv gleich(e) noch als eigenständig wahrgenommen wird. Es wird aber noch schwieriger – und zwar dann, wenn danach kein Substantiv steht. Dann haben wir es nämlich mit einer Substantivierung zu tun, allerdings mit einer ebenso kuriosen:

    Wenn eine Regierungschefin dasselbe tut wie eine Bürgerin, ist es dennoch nicht das Gleiche.

    Mir leuchtet überhaupt nicht ein, warum dasselbe auch in dieser hier ganz offensichtlichen Substantivierung klein geschrieben werden muss, während das Gleiche, ganz korrekt, groß geschrieben wird.

    Hier reiht sich vermutlich dieselbe/derselbe/dasselbe in die Reihe jener Wörter ein, die auch bei ganz offensichtlicher Substantivierung stets klein geschrieben werden (die wenigen Ausnahmefälle lassen wir jetzt mal beiseite): eine, andere, viel, wenig, meiste.

    Da dies aber schon immer so war und sich mit der Reform nicht geändert hat, sind wir wohl an das Schriftbild gewöhnt und machen uns keine allzu großen Gedanken darüber. Im Zweifelsfall empfiehlt sich die mehr oder weniger elegante Umschiffung dieser Klippe.

  • Kennen lernen oder kennenlernen: die salomonische Antwort

    Geschrieben am 25. Januar 2011 Dagmar Jenner 3 Kommentare

    In meinem letzten Beitrag ging es um die Frage, wie geschrieben werden muss, wenn sich zwei Verben zusammentun. Wir erinnern uns: Prinzipiell wird getrennt geschrieben, wenn zwei Verben eine Einheit bilden. Das gilt sowohl für den Infinitiv als auch für die gebeugten Formen. Also so:

    Ich möchte heute Nachmittag spazieren gehen.
    Gestern Nachmittag sind wir spazieren gegangen.

    Das ist eigentlich auch schon alles, was es zu diesem Thema zu wissen gilt – für diejenigen, die sich nicht mit den Details belasten möchten. Für die anderen: Wenn der zweite Bestandteil bleiben oder lassen ist, kann bei übertragener Bedeutung auch zusammengeschrieben werden. Also etwa so:

    Wenn er so weitermacht, wird er in der Schule sitzenbleiben.

    Es stand noch die oft gestellte Frage im Raum, wie sich das Verb kennen lernen/kennenlernen schreibt. Die salomonische Antwort: Beide Schreibweisen sind richtig. Ich persönlich finde das nicht wahnsinnig konsequent, zumal ja weder bleiben noch lassen vorkommt. Ich würde empfehlen, dieses Verb anhand der eingangs beschriebenen Regel immer getrennt zu schreiben. Wer allerdings nur schnell wissen möchte, wie dieses Verb zu schreiben ist und sich keine Regel merken möchte: Beides ist erlaubt.

    Achtung bitte bei der Substantivierung: Sobald ein Verb als Substantiv verwendet wird, wird es stets zusammengeschrieben und natürlich auch groß. Eine Substantivierung erkennen wir unter anderem an einem vorangestellten Artikel, Pronomen oder Adjektiv. Beispiele:

    Wir freuen uns auf ein Kennenlernen.
    Unser Kennenlernen verlief sehr harmonisch.

    Bitte schreiben Sie also keinesfalls Dinge wie:
    * Bei gegenseitiger Sympathie ist ein kennen lernen nicht ausgeschlossen.
    * Das Kennen Lernen anderer Kulturen ist sehr bereichernd.

    Falls es irgendjemanden tröstet: Fehler bei der Großschreibung von Substantivierungen kommen sogar bei Sprachprofis gar nicht so selten vor. Was niemanden daran hindern soll, sich die entsprechenden Regeln einzuprägen. Die Substantivierung gehört meines Erachtens zu den eher einfachen Gebieten der deutschen Rechtschreibung. Also nur Mut!

    Details zur Substantivierung gibt es unter anderem hier und hier.
    Weiterführende Fragen beantworte ich gerne – eher ungern beantworte ich mittlerweile Fragen, bei denen es lediglich darum geht, die beschriebene Regel auf einen vergleichbaren Fall anzuwenden. Mitdenken ist stets hoch im Kurs …