Neue deutsche Rechtschreibung

Tipps von der Deutsch-Expertin
RSS Icon
  • Genitivbildung bei Lehnwörtern aus dem Englischen

    Geschrieben am 12. Mai 2011 Dagmar Jenner 7 Kommentare

    Kürzlich beschrieb ein Leser eine schwierige Frage in einem Kommentar. Sie lautete folgendermaßen:

    Wie ist das eigentlich mit dem Deklinieren fremdsprachiger Substantive und feststehender Wendungen in einem deutschen Satz? Das ist gerade dann immer wieder ein Problem, wenn sich diese Substantive oder Wendungen nicht übersetzen lassen, ohne dass bei der Übersetzung ein Teil des Sinns verloren geht.
    Beispiel: Die Wendung Good War beschreibt im Englischen eine spezifische Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges, die sich nicht so einfach mit guter Krieg übersetzen lässt. Heißt es dann des Good War oder des Good Wars? Oder des Good War’s (um das Genitiv-s besonders zu betonen …)?

    Keine einfache Frage. Ich fange mal am Schluss an: Auch wenn es verständlich ist, auf die grammatikalischen Regeln den Englischen zurückgreifen zu wollen, darf im Deutschen der Genitiv nicht mit Apostroph und -s gebildet werden.

    In Band 9 schreibt der Duden Folgendes:

    Der Genitiv wird bei aus dem Englischen entlehnten Wörtern auf -ing mit -s gebildet: die Vorzüge des Leasings. Bei seltener gebrauchten und insbesondere eigennamenähnlichen Fremdwörtern wird das Genitiv-s häufig weggelassen (besser ist die Form mit -s: die Schreibung des griechischen Beta[s]).

    Natürlich endet Good War nicht auf -ing, weshalb der erste Fall keine Anwendung findet. Der zweite Fall bezieht sich wohl gleichermaßen auf Substantive, die aus dem Englischen entlehnt sind, als auch auf solche aus anderen Sprachen. Frau und man beachte das wunderschöne Adjektiv eigennamenähnlich. Darum handelt es sich meines Erachtens bei Good War. Angesichts der Formulierung im Dudenband denke ich, dass hier einiges an Entscheidungsspielraum besteht. Anscheinend gibt es hier keine verbindliche Regel und der Duden beschreibt vielmehr den vorherrschenden Usus beim Umgang mit diesen Fällen. In meinen Ohren klingt der Genitiv des Good War am schönsten. Wie geht es den anderen Expertinnen und Experten da draußen?

  • Das SMS-Schreiben richtig geschrieben

    Geschrieben am 6. Mai 2011 Dagmar Jenner 5 Kommentare

    Kürzlich postete eine Leserin in einem Kommentar eine Frage, die ich ad hoc nicht beantworten konnte. Ich musste erst einmal ein wenig nachdenken. Die Frage lautete wie folgt:

    Meine Frage betrifft die Substantivierung von Verben in Kombination mit Abkürzungen wie beispielsweise: Meine Hobbys sind das PC-Spielen und das SMS-Schreiben.
    Wie wird das richtig geschrieben?

    Gerade in IT-dominierten Zeiten kann ich mir vorstellen, dass Sätze wie der oben genannte keine Seltenheit darstellen. Dieser konkrete Fall wird zwar nicht im Dudenband 9 (Gutes und richtiges Deutsch) behandelt, aber wenn ich es mir recht überlege, müssen wir lediglich zwei Regeln kombinieren, um zu Rätsels Lösung zu gelangen:

    1. Substantivierte Infinitive werden großgeschrieben (hier eindeutig daran erkennbar, dass ein Artikel davorsteht). Ergo: das Spielen und das Schreiben.

    2. Bei Komposita mit Abkürzungen – also hier PC und SMS – muss immer ein Bindestrich stehen. Der Duden liefert hier nur Beispiele mit „normalen” Substantiven (NATO-Staaten, UN-Vollversammlung) sowie Adjektiven (PAL-gerecht), aber das Prinzip ist natürlich auch bei substantivierten Infinitiven dasselbe.

    Ergebnis: Die von der Leserin vermutete Schreibweise ist goldrichtig: Meine Hobbys sind das PC-Spielen und das SMS-Schreiben.

    Da ich weiß, dass die Substantivierung immer wieder für große Schwierigkeiten sorgt, anbei ein Beitrag, in dem Grundsätzliches behandelt wird. Knifflige Fälle der Substantivierung habe ich hier beschrieben.

    Falls jemand eine konkrete Frage hat: Bitte zuerst die Beiträge lesen und versuchen, die darin beschriebenen Regeln auf den eigenen Fall anzuwenden. Bei den meisten Fragen zeigt sich, dass sie mit ein klein wenig Nachdenken selbst beantwortet werden können. Wenn das nicht klappt, bitte einen Kommentar mit der Frage hinterlassen. Danke!

  • Der neue Online-Duden

    Geschrieben am 3. Mai 2011 Dagmar Jenner 2 Kommentare

    Ein lange gehegter Wunsch ist wahr geworden! Bis vor kurzem waren die Inhalte der Duden-Bände online nur mit einem etwas komplizierten Abo zu haben. Ich vermute mal, dass sich nicht allzu viele Menschen gefunden haben, die bereit waren, für so ein Abo zu bezahlen (das ist aber wohlgemerkt reine Spekulation). Wahrscheinlich ist es also kein Zufall, dass www.duden.de das Online-Modell per gestern (2. Mai 2011) umgestellt hat. Seit dem Relaunch ist die weite Welt der Rechtschreibung nun allen zugänglich. Und das gratis.

    Allerdings muss ich meine ursprüngliche Jubelmeldung auf Twitter (wo ihr mich unter Deutsch_Profi findet) etwas relativieren: Ich dachte, dass die Inhalte aller 12 Duden-Bände kostenlos online verfügbar wären. Dem ist nicht ganz so. Vielmehr handelt es sich um ein speziell für das Internet aufbereitetes Angebot. Wenn ich etwa nach dem Wort wachsam suche, erhalte ich Definition, Synonyme, Herkunft und sogar die Aussprache. Das finde ich richtig genial. In meinen Duden-Bänden müsste ich dafür in mehreren Büchern blättern oder die entsprechenden CD-ROMs konsultieren, um diese Informationen auf einen Blick beisammen zu haben.

    Die Pressemeldung aus dem Hause Duden beschreibt den Inhalt folgendermaßen:

    Duden online ist ein eigenständiges Angebot im Internet und spiegelt nicht eins zu eins ein gedrucktes Duden-Wörterbuch. Es löst die bekannte Duden-Suche ab und bietet über klassische Wörterbuchinformationen hinaus viele neue Informationstypen, z. B. Hörbeispiele, Bilder oder typische Wortverbindungen, die in Form von Wortwolken dargestellt werden. Duden online zeigt außerdem die Häufigkeit eines Wortes im Dudenkorpus an und liefert spannende Hintergrundinformationen und Besonderheiten zu einzelnen Wörtern. Zudem haben Nutzer die Möglichkeit, ganze Texte mithilfe der Duden-Rechtschreibprüfung automatisch korrigieren zu lassen.

    Meine Hoffnung ist nun, dass www.duden.de Google als Nachschlagwerk für orthografische Zweifelsfälle ablöst.

    Und so geht’s: Einfach im Suchfeld auf der Startseite von www.duden.de das gewünschte Wort eingeben. Das Ergebnis wird in drei Reitern geliefert: „Duden online” liefert die oben erwähnte Information zum jeweiligen Suchbegriff; der neudeutsche „Shop” schlägt klugerweise den entsprechend passenden Artikel zum Kauf vor und unter „Sprachwissen” werden Newsletter-Artikel und Podcast-Beiträge der Redaktion ausgewiesen, in denen der entsprechende Suchbegriff vorkommt.

    Viel Spaß beim Verwenden und Rechtschreiben.

  • Von “atok” zu “ad hoc”

    Geschrieben am 22. April 2011 Dagmar Jenner 1 Kommentar

    Schon wieder Funkstille! Ich bin nach wie vor hier in Santiago de Chile, wo alles wunderbar läuft (mit Ausnahme der völlig verdreckten und zugemüllten Wohnung, angemietet über die Agentur ContactChile).

    Heute wieder mal so ein Eintrag, über den viele von euch die Nase rümpfen werden. Bitte in diesem Fall einfach ignorieren.

    Manchmal sehe ich bei Google nach, nach welchen Schreibweisen bei bestimmten Wörtern so gesucht wird. Vor kurzem war ich ziemlich platt zu sehen, dass eine ganze Menge Leute das Wort atok eingeben und auf Hinweise zur korrekten Schreibung hoffen. Vermutlich deshalb, weil ihnen dämmert, dass da irgendwas nicht stimmt.

    Erkannt? Es handelt sich um ad hoc; eine Wendung, die offensichtlich gerne so ausgesprochen wird wie oben festgehalten.

    Ad hoc ist bekanntlich Latein und bedeutet zu diesem. Laut Duden sind die beiden Verwendungen die folgenden:

    a) zu diesem Zweck, dafür: einen Ausdruck ad h. bilden;

    b) aus dem Augenblick heraus [entstanden]: sich ad h. ein Urteil über etwas bilden.

    Also: Liebe Leute, die diesen Beitrag nach der Online-Recherche finden: Die einzig richtige Schreibweise ist ad hoc.

    Was mich betrifft, werde ich nun ad hoc ins Fitnessstudio gehen und mir einen Ad-hoc-Überblick über meine derzeitige Muskelkraft verschaffen :)

  • Präsens oder Präteritum?

    Geschrieben am 12. April 2011 Dagmar Jenner 8 Kommentare

    Nach einer mehr als zweiwöchigen Funkstille melde ich mich zurück! Bin zwar weiterhin zu Recherchezwecken hier in Santiago de Chile und mehr mit spanischsprachiger Literatur denn mit deutscher Rechtschreibung befasst, kann aber dennoch das Bloggen nicht lassen.

    Gestern erreichte mich eine Frage eines regelmäßigen Blog-Besuchers, die ich ad hoc nicht zu beantworten vermag. Das liegt vor allem daran, dass ich meine Grammatikbücher zwecks Nachschlagen beim Kapitel indirekte Rede nicht dabei habe. Da diese Zeilen ja von vielen Sprachprofis gelesen werden, gebe ich einfach mal die Frage an euch weiter und freue mich auf eure Rückmeldungen.

    Hier die Frage. Es handelt sich um einen Satz aus einem Text, den der erwähnte Leser soeben lektoriert. Er fragt sich, ob es am Ende des Satzes hielten oder halten heißen muss.

    Sabina, dachte er, gehöre leider nicht zu jenen Frauen, die im rechten Moment den Mund hielten.

    Mich persönlich stört der Konjunktiv gehöre. Viel eher würde ich mich für gehört oder gehörte entscheiden. Je nachdem, ob ich mich vorne fürs Präsens oder das Präteritum entscheide, würde ich dann den Satz folgendermaßen beenden:

    Sabina, dachte er, gehört leider nicht zu jenen Frauen, die im rechten Moment den Mund halten.

    Sabina, dachte er, gehörte leider nicht zu jenen Frauen, die im rechten Moment den Mund hielten.

    Wie würdet ihr den Fall lösen und argumentieren?

  • Ein Klassiker: “dass” und “das”

    Geschrieben am 24. März 2011 Dagmar Jenner 1 Kommentar

    Die vielen unter euch, die die Grundlagen der deutschen Rechtschreibung beherrschen, werden über diesen Artikel bestimmt die Nase rümpfen. Da es da draußen aber eine ganze Menge Leute gibt, die den Unterschied zwischen dass und das nie richtig gelernt haben und deshalb die beiden Wörter ständig verwechseln, wird dieser Beitrag aber bestimmt viele Menschen interessieren. JournalistInnen zum Beispiel. Vor wenigen Tagen las ich in der Print-Ausgabe der österreichischen Tageszeitung „Der Standard”: *Dass weiß auch der Investor Warren Buffet.

    Bringen wir es ganz einfach auf den Punkt: Das Wörtchen das ist in erster Linie ein Artikel (auch Fürwort genannt):
    Das Auto ist neu.

    Die anderen beiden Artikel im Deutschen heißen bekanntlich die und der. Glücklicherweise besteht bei denen keine Verwechslungsgefahr wie bei das/dass.

    Bestechend einfach, oder?

    So, jetzt wird es ein klein wenig schwieriger. Das Wörtchen das kann auch ein Relativpronomen sein. Das ist ein Wort, das sich auf ein Substantiv (Hauptwort) bezieht, das bereits vorher im Satz vorkam. Beispiel:

    Das Auto, das ich mir gekauft habe.

    Wir sehen: Das zweite das hier oben ist das Relativpronomen, das sich auf Auto bezieht. Hätten wir es mit einer Kette oder einem Schal zu tun, würde das Ganze so aussehen:

    Die Kette, die ich gestern trug.
    Der Schal, der
    zum neuen Kleid passt.

    Um herauszufinden, ob es sich um ein Relativpronomen handelt, gilt die Faustregel: Wenn sich das durch welches ersetzen lässt, haben wir es mit einem Relativpronomen zu tun und dürfen eben nur ein s verwenden, also das. Also: Das Auto, welches ich mir gerade gekauft habe. Stilistisch gefällt mir das nicht, aber das ist hier unerheblich.

    Das kann außerdem ein Demonstrativpronomen sein:
    Das weiß auch der Investor Warren Buffet.
    Das, was du hier tust, ist doof.
    Hier kann die „Probe” mit dem Wort dieses gemacht werden. Auch das ist stilistisch holprig, zeigt uns aber, dass mit einem s geschrieben werden muss.

    Wenn diese Fälle nicht zutreffen, handelt es sich um die Konjunktion (auch Bindewort genannt) dass, die früher daß geschrieben wurde.

    Beispiele: Ich hoffe, dass der Regen bald aufhört.
    Können wir hier das Wort dass durch welches ersetzen? Nein. Dadurch wissen wir, dass es eine Konjunktion ist und mit zwei s geschrieben werden muss.

    Weitere Beispiele:

    Ich hatte keine Ahnung, dass du das Studium bereits beendet hast.
    Dass es dir gut geht, davon gehe ich aus.
    Wie schön, dass heute Sonntag ist.

    Weitere Fragen? Einfach hier einen Kommentar hinterlassen.

  • Unpraktisch, aber richtig: ein 45-minütiger Ausfall

    Geschrieben am 13. März 2011 Dagmar Jenner 11 Kommentare

    Wie an dieser Stelle schon häufig erwähnt, ist das Internet ein denkbar schlechter Ratgeber in Sachen Rechtschreibung. Gelegentlich spiele ich mich bei Google mit unterschiedlichen Schreibweisen herum, bei denen ganz klar ist, welche die richtige ist. Sehr oft gibt es für die falsche Schreibweise deutlich mehr Ergebnisse als für die richtige. Traurig, aber wahr.

    Deshalb möchte ich bei häufig gesuchten Begriffen gegensteuern. Sobald die korrekte (oder auch falsche Schreibweise, siehe unten) des jeweiligen Begriffes gesucht wird, sollte der entsprechende Beitrag indexiert werden und für Aufklärung sorgen. Prinzipiell würde ich es begrüßen, dass die Leute als erste Anlaufstelle für die korrekte Rechtschreibung eher ein Nachschlagewerk als das Internet heranziehen, aber das ist wohl illusorisch. Selbst Sprachprofis geben mitunter unumwunden zu, dass sie keine Lust haben, im Duden zu blättern und deshalb schnell mal Google befragen. An dieser Stelle kann ich etwa die CD-ROM-Version des Duden empfehlen: funktioniert tadellos, geht mindestens so schnell wie Google und hat den entscheidenden Vorteil, dass die richtige Information geliefert wird. Aber wie gesagt: siehe oben. Das Internet wird sich wohl als zweifelhaftes Nachschlagewerk durchsetzen.

    Die einzig richtige Art und Weise, einen Ausfall, der 45 Minuten lang dauert, in ein Adjektiv zu packen, ist folgende: ein 45-minütiger Ausfall. Falsch wären folgende Varianten: *ein 45 minütiger Ausfall, *ein 45-Minütiger Ausfall, *ein 45 Minütiger Ausfall, *ein 45minütiger Ausfall, *ein 45Minütiger Ausfall etc.

    Interessanterweise liefert Google für einige der oben genannten Fantasievarianten ähnlich viele Ergebnisse wie für die korrekte Variante. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Google ist kein Nachschlagewerk für Rechtschreibung, wird aber dennoch laufend als solches verwendet. Ach, ich vermisse die Zeiten, als es im meiner Volksschule (= Grundschule) Geschwindigkeits-Wettbewerbe im Wörterbuchblättern gab.

    Genug der Nostalgie. Warum ist nur die oben genannte Variante korrekt?

    1. Adjektive schreiben sich klein. 45-minütig beschreibt das Substantiv Ausfall und ist damit ein Adjektiv, auch wenn es nicht unbedingt so eindeutig als solches identifiziert wird wie etwa schön in schönes Wetter.

    2. Zusammensetzungen mit Ziffern verlangen immer nach einem Bindestrich. Siehe hier. Ausnahme: Nachsilben, etwa in 68er-Generation/68er Generation, wo zwischen der Zahl und der Nachsilbe -er kein Bindestrich stehen darf (und der Bindestrich zwischen der Nachsilbe und dem Substantiv auch noch optional ist, wie hier beschrieben). Gleiches gilt übrigens für Abkürzungen, also etwa immer die EU-Kommission und niemals die *EU Kommission.

    3. Das war’s eigentlich auch schon. Wer Wert auf die ausgeschriebene Zahl legt, kann natürlich gerne fünfundvierzigminütiger Ausfall schreiben, wobei allerdings die Lesefreundlichkeit stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Übrigens ist minütig genauso zulässig wie minutig. Welche Variante gefällt euch besser?

  • Ratlos bei “vulgo”

    Geschrieben am 6. März 2011 Dagmar Jenner 22 Kommentare

    Im Austausch mit einer Gleichgesinnten mit ausgeprägtem Sprachverständnis und Rechtschreibkenntnissen tauchte kürzlich eine Frage auf, die uns beide etwas ratlos stimmte. In einem Buch, das sie lektoriert, ist vom bäuerlichen Milieu die Rede, weshalb ständig Formulierungen wie etwa die unten stehende auftauchen:

    Das junge Ehepaar erwarb die Liegenschaft vulgo Dasler in Sauerfeld und begründete dadurch die Dasler-Familie.

    Zur Erklärung: Diese Liegenschaft, ein Bauernhof, wird Dasler-Hof genannt, gehörte aber einer Familie, die völlig anders heißt, etwa Gruber. Ich habe übrigens keine Ahnung, ob diese Formulierungen auch in Deutschland und der Schweiz üblich sind.

    Wir fanden beide, dass sich die oben genannte Formulierung wenig ansprechend liest. Das Problem: Wir haben leider kaum eine bessere Lösung parat. Noch schlimmer wird es etwa in folgendem Satz:

    Sie heiratete 1947 zum vulgo Hafner am Schneeberg.

    Hier geht es wohlgemerkt um Texte, die bewusst sehr nahe an der gesprochenen Sprache sind, weil darin Lebensgeschichten erzählt werden. Auch hier: Die erwähnte Frau heiratet, wie das in der gesprochenen Sprache hierzulande oft gesagt wird, zu einem Hof. Der gehört einer Familie, die XY heißt. Der Hof wird aber Hafner genannt.

    Vulgo ist ein Adverb und als solches nicht deklinierbar. Sehr viel leichter wäre das Ganze, wenn wir es mit so genannt zu tun hätten. Dann hieße es eben:

    Sie heiratete 1947 zum so genannten Hafner am Schneeberg.

    Ich finde, das klingt weitestgehend passabel. Aber mit vulgo überzeugt mich der Satz nicht. Leider kann aber hier vulgo nicht durch so genannt ersetzt werden, da vulgo eindeutig der geläufige Ausdruck ist.

    Mein einziger Lösungsvorschlag, der mich auch nicht sonderlich glücklich macht, wäre ein Kompositum. Also bei den beiden Sätzen dann so:

    Das junge Ehepaar erwarb die Liegenschaft Vulgo-Dasler in Sauerfeld und begründete dadurch die Dasler-Familie.
    Sie heiratete 1947 zum Vulgo-Hafner am Schneeberg.

    Hat eventuell jemand für diese sehr schwierige Frage einen alternativen Vorschlag parat? Wenn ja, bitte hier einen Kommentar zu hinterlassen. Danke im Voraus!

  • Von Mitgliedern und Nichtmitgliedern

    Geschrieben am 28. Februar 2011 Dagmar Jenner 3 Kommentare

    Per E-Mail wurde mir die Frage gestellt, wie mit dem Wörtchen nicht umzugehen sei, und zwar einerseits in Kombination mit einem Adjektiv/Partizip und andererseits in Verbindung mit Substantiven.

    Zur ersten Frage sei gesagt, dass etwa sowohl nicht öffentlich als auch nichtöffentlich richtig ist. Die dritte Option, also *nicht-öffentlich, gibt es nicht. Selbiges gilt etwa für nicht berufstätig/nichtberufstätig, nicht ehelich/nichtehelich, nicht zutreffend/nichtzutreffend etc.

    Wenn sich nicht mit einem substantivierten Verb zusammentut, muss zusammengeschrieben werden, wenn das Kompositum nur zwei Bestandteile hat: das Nichtkönnen, das Nichtwissen, das Nichtwollen.

    Wenn aber ein dritter Bestandteil (oder auch mehr) dazukommt, muss mit Bindestrichen durchgekoppelt werden, also so: das Nicht-bekannt-Sein, das Nicht-loslassen-Können, das Nicht-wissen-Wollen. Wir sehen: Das substantivierte Verb wird immer großgeschrieben, ebenso wie das erste Wort der Verbindung, also nicht.

    Zur Frage Nichtmitglieder oder Nicht-Mitglieder finde ich in meinen Nachschlagwerken keine klare Aussage. Mir persönlich gefällt Nichtmitglieder allerdings besser. Es sei nur darauf hingewiesen, dass die Wörter, die im Duden verzeichnet sind und mit nicht anfangen, allesamt ohne Bindestrich zusammengeschrieben werden: Nichtwähler/Nichtwählerin, Nichttänzer/Nichttänzerin, Nichtverfolgung, Nichtverfolgerland, Nichtweitergabe. Für mich ein deutliches Indiz, dass die Schreibung ohne Bindestrich empfohlen wird.

    Die konkrete Frage, die mir per E-Mail gestellt wurde, bezog sich auf Nicht-Landwirt vs. Nichtlandwirt. Auch hier gefällt mir persönlich die zweite Lösung besser; siehe oben.

    Bei Nicht-EU-Mitgliedsland wiederum ist die Sache klar, da Abkürzungen mit Bindestrich(en) abgetrennt werden müssen. *NichtEUMitgliedsland würde ja dann doch einigermaßen seltsam anmuten.

  • Zwiebelfisch macht sich zum Esel

    Geschrieben am 17. Februar 2011 Dagmar Jenner 51 Kommentare

    Dieser Beitrag ist eine Antwort auf Bastian Sicks Zwiebelfisch-Kolumne, die bereits vor einiger Zeit erschien, von der ich aber erst heute erfuhr. Darin nimmt er eine Schweizer Initiative, männerbezogene Begriffe durch neutrale zu ersetzen (etwa Arbeitende anstatt Arbeiter), zum Anlass, um billige Polemik um das so wichtige Thema der Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache zu betreiben. Er bewegt sich auf einem Niveau, auf dem ich normalerweise nicht diskutiere. Da ich tief drinnen aber hoffe, dass der Zwiebelfisch auch anders kann, hier meine Gedanken dazu.

    In erster Linie ist zu sagen, dass es um Bastian Sicks Glaubwürdigkeit eher schlecht bestellt ist. Er, der sich seit Jahr und Tag ausgiebig mit Sprache beschäftigt, stellt allen Ernstes den Zusammenhang zwischen Sprache und Gesellschaft infrage: „Ich bin mir nicht sicher, ob man die Sprache verändern muss, wenn man die Gesellschaft verändern will.” Glaubt er, dass Sprache im luftleeren Raum existiert?

    Es reicht, die beim Romanistik-Studium vorgesehenen Lehrveranstaltungen zur Einführung in die Linguistik zu besuchen, um zu erfahren, dass allgemeiner Konsens darüber besteht, dass es klare Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Sprache gibt. Sprache wird schließlich nicht im Labor gemacht. Und: Gleichberechtigung hat ganz klar auch eine sprachliche Seite.

    Schon mal darüber nachgedacht, warum Wörter wie Neger und Eskimo heute nicht mehr verwendet werden? Und Fräulein? Warum etwas herrlich ist und nicht fraulich? Warum 99 Ärztinnen und 1 Arzt zusammen 100 Ärzte ergeben? Dass Frauen Lehrer genannt werden, aber wenn Männer Hebammen werden, sofort ein neuer Begriff, nämlich Geburtshelfer, gefunden wird? Dass Frauen eh immer ganz lieb in den männlichen Formen mitgemeint sind? Alles Zufall? Oder ist es vielleicht doch so, dass Sprache die Machtverhältnisse abbildet?

    Bastian Sick echauffiert sich: Wörter, die das erkennbare Wort „Mann” enthalten, stehen auf der Berner Abschussliste ganz oben.

    Er nimmt das zum Anlass für alberne Extrempositionen auf Stammtischniveau: Werden wir in Bälde bemenschte Raumfahrt sagen müssen? In diesem Zusammenhang mokiert er sich über Versuche, Komposita mit Mann zu feminisieren oder zu neutralisieren. Er hält wohl tatsächlich Mann für ein völlig neutrales Wort, das problemlos auch eine Frau bezeichnen kann. Ob er das umgekehrt auch so sieht, er sich also unter Marktfrau auch einen Mann vorstellt? Ganz bestimmt nicht. Mit seiner Argumentation setzt er Menschlichkeit mit Männlichkeit gleich und befindet sich damit in hervorragender Gesellschaft zahlreicher Ewiggestriger, Motto: Alle Menschen werden Brüder.

    Es ist offensichtlich, dass die deutsche, wie auch viele anderen Sprachen, absolut sexistisch ist – dass Bastian Sick hinter diese Feststellung ein Fragezeichen setzt, spricht Bände. Vielleicht sollte er einen Blick in die zahlreichen Studien werfen, die zeigen, dass das so genannte generische Maskulinum die befragten Menschen ausschließlich an Männer denken lässt. Mitgemeint Pustekuchen. Wer denkt bitte bei folgendem Satz an Frauen?

    Jeder Patient soll sich seine Behandlung selbst aussuchen.

    Die Asymmetrie der deutschen Sprache ist nicht zu übersehen. Während es völlig normal ist, eine Frau als Übersetzer zu bezeichnen, würde sich ein Mann niemals als Krankenschwester bezeichnen lassen. Hier offenbart sich die Schieflage: Schwester ist bestimmt auch für Herrn Sick eindeutig weiblich, während er Mann als „neutral” deklarieren möchte.

    Bitte sehr, wenn angeblich alles so schön neutral ist und nichts auf ein Geschlecht hinweist, dürfte sich Herr Sick an folgender Formulierung nicht stören:

    Bastian Sick ist eine Journalistin beim „Spiegel Online”. Ihre Zwiebelfisch-Kolumnen werden sehr gerne gelesen.

    Von mir allerdings nicht mehr. Erstens, weil Bastian Sick sich seit einiger Zeit auf lustige Sammlungen von Übersetzungsfehlern beschränkt. Und zweitens, weil ihm – siehe oben – fundamentales Wissen über Sprache abzugehen scheint. Sprache kommt nicht aus dem Vakuum, sondern ist eng mit Gesellschaft und Machtverhältnissen verbunden. Wie es die bekannte Linguistin Luise Pusch formuliert hat: Männer haben diese unsere Sprache gemacht, und sie haben sie für sich gemacht.